Zeitung Heute : Durchreise der Macht

WALTHER STÜTZLE

Holbrookes schwierige Balkanmission: Seine Gesprächspartner wissen, daß sie weiterregieren, wenn der Emissär abgereist ist.VON WALTHER STÜTZLEWer Bosnien begreifen will, muß Ivo Andric lesen.Und wer Ivo Andric gelesen hat, versteht, daß nur schwer zu begreifen ist, wie Politik mit diesem Hexenkessel jemals fertigwerden könnte.1920 läßt Andric, der große Prophet des balkanischen Unglücks, seinen Freund Max Löwenfeld sagen, was 1997 unverändert gilt: Es ist "der Haß", der ihn aus Bosnien "forttreibt" - wenn der Grund denn in einem Wort benannt werden solle.Mut, gar Abenteuerlust allein können es also nicht sein, die Richard Holbrooke auf den Balkan treiben, auch wenn zuzugeben ist, daß es gerade diesem Diplomaten an beidem nicht mangelt und daß er es, wie wenige seiner Zeitgefährten, versteht, mit Ehrgeiz und Energie die Machtfülle Amerikas auf augenfällige Weise zu demonstrieren.Doch weder garantiert die Schaustellung der Macht, daß jene beeindruckt werden, die gemeint sind, noch vermag sie automatisch jene Schwächen zu verdecken, die sie vergessen machen soll. Über den Frieden hat Holbrooke auch knapp zwei Jahre nach dem Dayton-Abkommen mit denen zu sprechen, die den Krieg vom Zaune gebrochen und sich bis auf den heutigen Tag geweigert haben, persönliche Verantwortung auch nur in Andeutung zu zeigen.Die jüngst erfolgte Wiedervertreibung moslemischer Rückkehrer aus dem kroatisch beherrschten Jajce hätte ohne den Segen Tudjmans keinen Erfolg haben können und die Auslieferung der Kriegsverbrecher nach Den Haag wäre längst vonstattengegangen, genössen die Herrn nicht den Schutz der Machthaber in Belgrad, Zagreb, Sarajevo und Pale, sowie den einer zum Haß aufgehetzten Bevölkerung.Holbrooke wird es auch bei dieser Blitzmission nicht gelingen, per Oberflächenglättung die Wurzel des Übels zu behandeln.Seine Gesprächspartner wissen, daß sie weiterregieren, wenn der Emissär wieder abgereist ist, und daß dessen Wirk-Zeit knapper bemessen ist als ihre. Bis heute ist es in Washington nicht gelungen, Amerikas Macht für ein weitsichtig angelegtes, langfristig verpflichtetes Konzept nutzbar zu machen.Der Streit zwischen den Rückzugsverfechtern, die sich großer Sympathie in Kongreß und Pentagon erfreuen, und den Präsenz-Befürwortern um Madeleine Albright, Amerikas erster, aber aus Europa stammender Außenminsterin, ist bestenfalls offen.In weniger als einem Jahr kommt es zum Schwur: dann läuft das Mandat der multinationalen Schutztruppe aus, und sollten Amerikas Soldaten den Balkan verlassen, ziehen auch die Europas.Ohne die USA sind sie weder politisch noch militärisch handlungsfähig.Noch ist die EU ihrem Ziel, eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik auf die Beine zu stellen, nicht eindrucksvoll näher gekommen.Was an Ansätzen da ist, reicht nicht aus, um auf dem verminten Balkan bestehen zu können.Holbrookes Gesprächspartner wissen das - und sie werden, wie bisher schon, auf Zeit spielen.Und davon haben sie mehr als ungeduldige Friedensplaner in Washington sich vorstellen können.Der Haß, den Max Löwenfeld in Bosnien gesehen hat, ist kein üblicher, kein "Moment in der gesellschaftlichen Entwicklung, kein unumgänglicher Teil des historischen Prozesses"; dieser Haß ist "eine eigenständige Kraft", die ihren "Zweck in sich selbst hat".Also aufgeben, zurückziehen hinter eine Brandmauer, die uns vor bosnischem Feuer schützt? Nein, denn "einmal wird der Tag kommen", sagt Löwenfeld - doch dazu müssen "die Grundlagen des materiellen und geistigen Lebens in Bosnien völlig verändert werden".Das aber benötigt viel Zeit, verlangt dauerhaften Einsatz, verbietet Blitzmissionen, setzt voraus, die gravierenden Fehler im Laborprodukt namens Dayton-Abkommen nicht durch Strohfeuer der Macht zu multiplizieren.Erst wenn die Mächtigen begreifen müssen, daß Amerika in Bosnien bleibt, die Kriegsverbrecher aber nach Den Haag gezogen werden, daß es Aufbau-Geld nur gegen überwachte Vertragstreue gibt, daß verweigerte Rückkehr mit sofortiger Verhaftung der Verantwortlichen bestraft wird, - erst dann besteht Aussicht, daß aus dem Kriegsende ein Friedensanfang wird."Aber was ich in Bosnien gesehen habe, deutet nicht darauf hin, daß man schon auf dem Weg ist", schreibt Löwenfeld 1920 unter dem ursprünglichen Titel "Brief aus dem Jahr 1992".1992 begann der Krieg.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar