Zeitung Heute : Durstlöscher: Klebrig künstlich oder ländlich frisch?

Thomas Platt

Der Abschied von der Kindheit ist auch ein Adieu für die Limonade. Bitternis und Säure aus Bier und Wein treten an die Stelle der süßen Brause. Erlaubt sind jetzt noch Fruchtsäfte und Schorlen, bevorzugt welche mit Apfelsaft. Früher konnte man Ex-Alkoholiker an deren ausgiebigem Genuss erkennen, heute trinkt man sie selbst und gibt damit Anstand und Mode die Ehre. Der tiefere Sinn der Apfelschorle liegt in ihrer Natürlichkeit (so zweifelhaft diese zuweilen sein mag), die gegen Limonaden, Nektare und andere Elixiere der Soft-Drink-Industrie gerichtet ist und die Mitte hält zwischen herbem Fruchtsaft und Mineralwasser. Wer heute Apfelschorle trinkt, fällt jedenfalls nicht zurück in die Vorzeit des entwickelten Gusto.

Deshalb konnte sich die monatliche Probierrunde unbesorgt dem Thema nähern und versammelte sich um hausgemachte Pizza, zu der man in Italien für gewöhnlich Bier anstelle von Wein trinkt - die sich aber, wie sich herausstellte, auch gut mit Apfelsaft verträgt. Gleich fiel auf, dass nicht wenige Hersteller die Beliebtheit der Schorle zum Anlass nehmen, uns wieder Limonade unterzujubeln. Vermutlich tun sie das nicht einmal so sehr aus strategischem Kalkül - die Markteinführung der Schorlen wird kaum von Marketing-Offensiven begleitet -, sondern handeln eher aus schlechtem Gewissen. Schließlich verdünnen sie ja nur einen nicht allzu teuren Ausgangsstoff mit der billigsten aller Zutaten, dem Wasser. Jedenfalls führt die vermeintliche Aufwertung im Fall von Lift-Apfelsaftschorle zu einem seifigen, leimig-süßlichen Ergebnis, bei dem höchstens tröstet, dass es hätte schlimmer kommen können. Klebrige Künstlichkeit auch bei Spreequell: Kaum ist die Brause aus der Flasche, entfaltet sich ein aufdringlicher Apfelshampoo-Duft, dem eine aufdringliche Süße folgt. Ähnlich wie dieser Red-Bull-Verschnitt präsentierte sich das vergleichbare Erzeugnis der Schönborn-Quelle. Mattes Apfelaroma, schlaffes Mineral sowie ein leicht an Gummibärchen erinnernder Beigeschmack ließen für den weiteren Testverlauf Schlimmes befürchten.

Auch die Apfelschorle von Selters vermochte nicht zu überzeugen. Überraschend bei diesem Hersteller, dass der Mineralwasseranteil zugunsten eines recht künstlich wirkenden Apfelparfüms in den Hintergrund gedrängt und der Gaumen schließlich von traubenzuckriger Süße verklebt wurde. Als in nahezu allen Belangen überlegen erwies sich da die Schorle von Reichelt mit ihrem natürlichen Bukett und wirklich schorlenhafter Leichtigkeit, die nur von ein bisschen zuviel Zucker beschwert ist. In ähnlicher Frische zeigte sich die Frucht-Schorle von Granini, wenngleich sich ihre Kohlensäure recht still gibt. Beckers Bester besaß mit 75 Prozent den höchsten Fruchtsaftanteil und wurde als halbherziger Versuch gewertet, neben dem bekannten Apfelsaft eine neue, modische Varietät im Handel zu plazieren. Sanft und mild bis zum Gehtnichtmehr begegnete uns die Hipp Frucht-Schorle Bio-Apfel mit stillem Wasser - vermutlich aus Äpfeln, denen alle Zähne gezogen worden sind.

Lange Zeit sah es für uns so aus, als wollten die einschlägigen Abfüller uns mit einer Mimesis des Trivialen beglücken, doch dann nahte tatsächlich noch der Zeitpunkt, an dem die ersten gelungenen Schorlen probiert werden durften. Die Schorlen von Comet und Wesergarten gefielen wegen ihrer feinverteilten Kohlensäure, der geringen Süße und einem fruchtigen, leicht schaligen Apfelgeschmack. Genauso gut austariert sind Rhönsprudel Apple Plus und Albi Apfel-Fruchtsaftgetränk mit Kohlensäure, die einen passablen Ausgangssaft ohne falsche Blumigkeit und mit fröhlichem Gebitzel zur Geltung bringen. Auch Christinen-Brunnen ist eine gekonnte Melange, wenngleich der Apfel darin ein wenig zweitklassig wirkt.

Nach dem Genuss der vielen Fertiggemische drängte es die Tester, eine eigene Schorle zu mixen. Dazu eignet sich besonders der "Jus de Pomme des Coteaux Lyonnais" von Alain Milliat, den wir in den Galeries Lafayette gekauft hatten. Pur ist er voll und rund im Apfel - geradezu direkt - und reichlich süß, was nach entsprechender Verdünnung mit Mineralwasser eine wunderbar frische Schorle ergibt. Doch ganz mochte auch hier - wie übrigens bei allen übrigen verkosteten Getränken bis dahin - der Eindruck des Geschönten nicht weichen. Es musste erst der naturtrübe Bio-Apfelsaft aus Streuobst von Jacoby aus dem badischen Auggen kommen, um eines Besseren zu belehren. Apfelig-weich die natürliche Säure einbindend, erschien er uns noch mit Selters verlängert wie ein tiefer Biss in einen Cox-Orange.

Zum Schluss verglichen wir zwei Premium-Erzeugnisse, die eigentlich nicht zu den Schorlen zu zählen sind, handelt es sich dabei doch um reinen, geklärten Apfelsaft, der lediglich mit Kohlensäure versetzt wurde. Dabei zog Jus de Pomme von Pétillant aus dem KaDeWe klar den Kürzeren gegenüber dem "Pomme pure" vom Duttenhoferschen Apfelgut im Schwarzwald, für dessen Produkte (darunter prächtige Marmeladen) bei Blumen-Koch ein ganzer Altar erbaut wurde. Der Jus aus der Normandie schmeckte nach getrockneten, schwefligen Apfelringen und ist, was seine Süße betrifft, eine echte Spätlese. Was für ein Wunder an Würde ist da doch der Saft der gärtnernden Gourmetjournalisten Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer! Volles Stammfrucht-Aroma wie aus Kindertagen, ländliche Frische und ein kraftvolles Bukett, das von moussierender Säure nach oben getragen wird.

Da wir nun ohnehin schon beim unverdünnten Apfelsaft angekommen sind, sei noch erwähnt, dass in den nächsten Tagen bei Koch die ersten bitzelfreien 2000er Apfelsäfte von Duttenhofer eintreffen, und zwar aus den Sorten Elstar und Cox Orange; der durchaus selbstkritische Erzeuger spricht schlankweg von einer "neuen Dimension". Möglicherweise trifft das auch für den neuen "Pomme Balsam" zu, eine Art Apfel-Balsamessig, der vermutlich auch alsbald in Berlin verfügbar sein wird.

All das zeigt uns Städtern endlich, dass der Apfel wahre Sprünge vollführen kann - und nicht nur eine Frucht ist, die nicht weit vom Stamm fällt.

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