Zeitung Heute : DW-Chef Weirich will, daß der "Weltfernseh-Groschen" fällt

Was halten Sie von einem Organisationsmodell[das]

Dieter Weirich ist Intendant der Deutschen Welle mit Standorten in Berlin und Köln: Der Sender für Radio und TV, aus Steuermitteln finanziert, muß sparen. Nach jüngsten Überlegungen soll das Auslandfernsehen mit ARD und ZDF kooperieren. Erst gestern sprach sich der WDR-Rundfunkrat für eine ARD-Beteiligung aus.

Was halten Sie von einem Organisationsmodell, das die Veranstaltung deutschsprachigen Auslandsrundfunks ARD, ZDF und dem Deutschlandradio - sowie deren Schwester- und Tochterstationen - zuordnet und die Veranstaltung fremdsprachigen Auslandsrundfunks bei der Deutschen Welle sieht?

Für öffentlich-rechtlichen Rundfunk zahlen die Bundesbürger entweder Gebühren - also für ARD, ZDF, Deutschlandradio, Arte - oder Steuern, also für die Deutsche Welle. Bei ihrem Streichkonzert betont die Bundesregierung immer wieder, sie wolle die Steuerzahler entlasten. Im Falle der Deutschen Welle wären das wenige Pfennige. Gleichzeitig deuten die Länder an, man könne über Gebühren für Auslandsrundfunk reden. Ich entnehme dem: Der Bund ist bei der Außendarstellung Deutschlands auf dem Rückzug, die Länder sind zu größerem Engagement bereit. Ich bin kein Kompetenz-Fetischist, lasse über alle Lösungen mit mir reden.

Rundfunk ist in der Bundesrepublik Ländersache, Auslandsrundfunk war bisher eine bundespolitische Angelegenheit. Befürworten Sie eine von Bund und Ländern gemeinsam getragene Körperschaft zur Veranstaltung von Auslandsrundfunk, die endlich Schluss machen könnte mit dem "teutonischen Provinzialismus", den Sie in der medialen Außendarstellung Deutschlands im Zuge der Etatkürzungen befürchten?

Ich habe schon 1993 kurz nach dem Start des aktuellen Auslandsfernsehens eine Bund-Länder-Vereinbarung zur Überwindung des Rechteproblems angeregt. Damals ohne Resonanz bei Bund und Ländern. Natürlich kann ich mir eine solche Körperschaft vorstellen, wenn die Auslandskompetenz der Programmverantwortlichen in der Deutschen Welle im Gesamtkonzept gewahrt bliebe. Zum Nulltarif ist sie allerdings nicht zu haben, wie bisherige Berechnungen zeigen. Pragmatischer wäre die Einführung eines Weltfernseh-Groschens bei der Gebührenanpassung von ARD und ZDF, der die Inlandsrundfunkanstalten in die Lage versetzt, bei ihren Zulieferungen uns finanziell zu entlasten. Herr Staatssekretär Rüter hat allerdings erklärt, ARD und ZDF dürften nicht der Lückenbüßer für die Bundesregierung sein, der Bund müsse auf hohem Niveau in der Finanzierung dieser nationalen Gemeinschaftsaufgabe drinbleiben. Hier sehe ich aber kein Licht am Ende des Tunnels.

Sie treffen sich in dieser Woche mit ihren Hauptabteilungsleitern zur "Sparkonferenz". Welche Bereiche werden besonders von Kürzungen betroffen sein? Welche Bereiche im Fernsehprogramm der Deutschen Welle können Sie schon heute durch eine Vertiefung der Zusammenarbeit mit ARD und ZDF finanziell entlasten?

Ich will die "Sparkonferenz" nicht präjudizieren. Klar ist nur eins. Wenn Ihnen im nächsten Jahr 54 Millionen und 2003 89 Millionen Mark fehlen und Sie gleichzeitig noch Tariferhöhungen sowie Rechtepreissteigerungen auffangen müssen, kommen Sie nicht um einen massiven Abbau von Programmen herum. Kurzfristig - also für den Etat 2000 - sehe ich durch eine Vertiefung der Zusammenarbeit mit ARD und ZDF keine wesentlichen Entlastungen. Das Thema wird auf der nächsten ARD-Intendanten-Konferenz auf der Tagesordnung stehen.

Wer Urlaub zum Beispiel in Frankreich macht, schaltet ARD, ZDF und andere deutsche Programme, nicht aber die Deutsche Welle ein. Klassisches Auslandsfernsehen scheint in einigen Regionen entbehrlich zu sein. Wäre es eine Überlegung wert, die Deutsche Welle nur dort zu verbreiten, wo kein deutsches Inlandsfernsehen zu sehen ist?

Europa ist nur ein kleiner Teil der Welt. Da die Zielgruppe deutschsprechender oder -verstehender Bürger dort aber nur knapp zehn Millionen ist, haben wir auch Englisch und Spanisch im Angebot. Mit großen Erfolgen. Hunderte von lokalen, regionalen und nationalen Stationen strahlen über terrestrische Frequenzen unser Programm wieder aus. Deswegen ist zur Vermittlung des Deutschlandbildes ein Fremdsprachenkanal unverzichtbar.

Deutschland spart an seiner Präsenz im Ausland. Nicht nur die Deutsche Welle wird zum Sparen angehalten, auch das Goethe-Institut ist betroffen, Inter Nationes ebenso, deutsche Botschaften werden geschlossen. Sieht das Ausland darin einen Rückzug Deutschlands nach Teutonien?

Dass bei der Außendarstellung an den elektronischen Medien als den entscheidenden bewusstseinsbildenden Transportschienen im Zeitalter der Globalsierung und Internationalisierung so drastisch gespart wird, versteht man im Ausland nicht. Dass Deutschland sich selbst genug in einer von angloamerikanischen Medien- und Kultur-Dominanz geprägten Welt ist, bedarf sicherlich noch der Erklärung. In der rot-grünen Koalitionsvereinbarung wird schließlich eine Verbesserung der medialen Außenrepräsentanz angekündigt. Auf diesen Widerspruch habe ich mehrfach hingewiesen.

DW Radio hatte es sich im Zuge des Krieges im Kosovo zur Aufgabe gemacht, gegen die serbische Propaganda anzusenden, um der Bevölkerung ein möglichst wirklichkeitsgetreues Bild von der Lage zu geben. Krieg wird damit auch immer als ein Krieg um Köpfe begriffen. Das aber ist keine journalistische Aufgabe mehr, oder?

Wer wie die Deutsche Welle oder auch andere Auslandssender als objektive Stimme aus einem freien Land von Menschen, die einseitiger Staatspropaganda ausgeliefert sind, begriffen wird, der leistet einen Beitrag für Frieden und Freiheit. Bemühen um Wahrheit, wirklichkeitsgetreue Information, Unabhängigkeit und kritische Distanz - das alles sind zentrale journalistische Aufgaben.Das Interview führten Reinhart Bünger und Joachim Huber.

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