Zeitung Heute : Dynamos: Der Strom aus der Nabe fließt ohne Geschabe

Ulf Hoffmann

Dynamos sind die Kleinkraftwerke des Fahrrades. Sie setzen ein Teil der Bewegungsenergie in elektrische Energie um. Wie viel Kraft allerdings aufgewandt werden muss, damit der Radfahrer nicht im Dunkeln steht, ist sehr unterschiedlich. Manche Lichtmaschinen sind so schwergängig, dass viele Pedalisten lieber ohne Licht fahren.

Die Art der Energieerzeugung ist im Grunde immer sehr ähnlich. Die verschiedenen Dynamotypen unterscheiden sich jedoch stark im Aufbau. Am weitesten verbreitet ist der Seitenläufer. Dieser Dynamotyp ist schnell montierbar und kostet auch kein Vermögen. Doch Seitenläufer reiben an der Reifenflanke oder auf der Felge, und damit rutschen sie bei Nässe leicht durch.

Ein guter Dynamo, der auch unter nassen Bedingungen stetig Energie liefert, kostet deshalb schon ein paar Mark. Der empfehlenswerte "S6" von Busch und Müller etwa wird für 160 Mark über die Ladentheke gereicht. In dieser Klasse kann man dann auch den Andruck manuell einstellen und die Kabel finden festen Halt.

Den S6 gibt es mit einer zusätzlichen Allwetterrolle: Kleine harte Drähte verhindern dann sehr effektiv das Durchrutschen am Reifen. Die Andruckkraft des Reibrades lässt sich durch ein Rädchen individuell einstellen. Hochwertige Modelle sind natürlich auch für Langfinger interessant. Selbst unerfahrene Schrauber entfernen die Lichtmaschine in einer halben Minute. Leider hat sich die Industrie noch keine Gedanken dazu gemacht.

Ganz wichtig bei einem Dynamo ist der Wirkungsgrad, der angibt, wie viel Kraft der Fahrer aufwenden muss, um die Lichtanlage des Fahrrades mit Strom zu versorgen. Soll eine Lichtmaschine beispielsweise drei Watt liefern, so muss der Fahrer sechs Watt Tretleistung erbringen, wenn der Wirkungsgrad 50 Prozent beträgt. Doch die meisten Dynamos schaffen diesen Wert nicht. Der Wirkungsgrad des S6 liegt bei etwa 48 Prozent (bei einer Geschwindigkeit von 15 km/h). Und das ist schon viel, denn herkömmliche Standard-Dynamos bringen es gerade einmal auf 25 bis 30 Prozent.

Leider falsch gerechnet

Vor einem Jahr tönte ein Schweizer Hersteller, er hätte einen Dynamo mit 96 Prozent entwickelt. In Tests hat sich dann aber herausgestellt, dass dieser Wert nicht die Verluste durch den Rollenantrieb einschloss, so dass der Wert auf rund 60 Prozent schrumpft. Trotzdem ist der Lightspin der Firma Dynosys, wenn man dem Test glauben kann, einer der derzeit besten Lichtmaschinen aus dem Bereich der Seitenläufer. Der Lightspin (er kostet je nach Ausführung zwischen 110 und 180 Mark) besitzt zudem eine Funktion, die Schule machen könnte: Ein Teil der Energie wird für eine Standlichtfunktion gespeichert.

Beim Wirkungsgrad ganz weit vorn liegen Nabendynamos. Im Gegensatz zu den Seitenläufern ist der Markt dieser Typs sehr übersichtlich. Um die Marktführerschaft kämpfen die Firmen Shimano und Schmidt Maschinenbau. Aber eigentlich auch erst seitdem Shimano den Dynamo Nexus Inter L (für 110 Mark) überarbeitet hat. Der Nexus ist leichter geworden, wiegt aber immer noch 716 Gramm und hat einen Wirkungsgrad (bei 15 km/h) von 48 Prozent. Der Kraftverlust liegt bei 2,8 Watt (bei 15 km/h). Das heißt, auch im Leerlauf muss der Fahrer 2,8 Watt aufwänden, obwohl die Energie nicht gebraucht wird. Das ist der entscheidende Nachteil von Nabendynamos. Allerdings muss auch gesagt werden, dass man es fast nicht merkt, dass da "etwas" mitläuft.

Unschlagbar in dieser Hinsicht ist der SON von Schmidt. Der SON (Schmidts Original Nabendynamo) ist nicht nur erheblich leichter (590 Gramm), sondern weist auch einen deutlich besseren Wirkungsgrad auf (67 Prozent bei 15 km/h). Das Produkt aus Tübingen ist damit technisch immer noch die sonst unerreichte Spitze der Lichtmaschinentechnik fürs Fahrrad. So sind auch die Kraftverluste im Leerlaufbetrieb wirklich vernachlässigbar (0,5 Watt bei 15 km/h). Der SON ist nicht billig (319 Mark), bietet aber wirklich sehr gute Qualität fürs Geld. Die Innenteile können einzeln ausgetauscht werden, die Speichenlochzahl beträgt 24 bis 48 (während es den Inter L nur mit 36 Speichenlöchern gibt). Auch für eine Scheibenbremse gibt es eine Variante. Der SON wird zusammen mit dem Scheinwerfer Lumotec von Busch & Müller ausgeliefert. Dass macht auch Sinn, denn der große Vorteil von Nabendynamos ist nämlich, dass sie ein automatisches Ein- und Ausschalten der Lichtanlage ermöglichen.

Beim Lumotec Oval Senso Plus wurde eine Lichtdiode integriert, die bei Dämmerung oder Dunkelheit signalisiert, die Leuchten einzuschalten (kostet einzeln 60 Mark). Das gleiche System gibt es auch als Rücklicht. Selbstverständlich lässt sich die Funktion mit einem Schalter ausstellen oder auf Dauerbetrieb einstellen. Das System findet man übrigens auch beim Shimano-Nabendynamo.

Bei Trekkingrädern schon in Serie

Nabendynamos gehört eindeutig die Zukunft, richtig durchgesetzt haben sie sich aber noch nicht. Wobei der Marktführer Shimano das Potenzial von Nabendynamos in Zusammenhang mit der neuartigen Sensortechnik erkannt hat. Und Shimanos Inter L wird auch immer öfter bei Trekking- und Cityrädern serienmäßig eingebaut. Den SON schätzen vor allem Reise- und Vielradler, die sich ihr Rad selbst zusammenstellen.

Nachträglich muss man sich auch den einzigen 12-Volt-Dynamo einbauen. Hergestellt wird der Speichendynamo (!) von der sächsischen Firma FER (die auch einen ähnlichen mit sechs Volt anbietet). Auch bei Speichendynamos ist ein Durchrutschen nicht möglich, ein automatischer Betrieb allerdings auch nicht.

Die 12-Volt-Anlage läuft bisher (die zusammen mit Scheinwerfer und Rücklicht für 350 Mark verkauft wird) nur mit einer Ausnahmegenehmigung. Standard sind weiterhin nur sechs Volt. Überhaupt die Ausnahmegenehmigung zu bekommen, hat die Firma sehr viel Energie gekostet. Leider ist der "FER SD 12 V" nicht nur teuer, sondern auch sehr schwergängig. Die Fachzeitschrift "Radmarkt" ging sogar soweit zu schreiben, dass der FER "schwergängiger als die meisten 15-Mark-Seitenläufer-Dynamos" sei.

Die 12-Volt-Technik hat sich deshalb noch nicht durchsetzen können, wenn auch jedes Jahr mehr Hersteller ihre 12-Volt-Leuchten vorstellen. Es fehlt die gesetzliche Grundlage, vielleicht auch schärfere Mindeststandards oder die vom ADFC geforderte Regelung nur noch Räder mit einer Lichtanlage verkaufen zu dürfen. Allerdings scheint auch seitens der Industrie nur wenig Interesse daran zu bestehen, eine stressfreie und möglichst wenig kraftintensive Energieversorgung am Rad dauerhaft zu ermöglichen.

Das hat sich wohl auch Werner Kläui gedacht und erfand deshalb eine Lichtanlage, die ohne Akkus und Dynamo funktionieren soll. Zehn Watt soll die Anlage liefern, ohne zusätzlichen Widerstand beim Treten, ohne Batterien. Kläui baute dafür kleine Elektrospulen in die Bremsklötze, auf der Felgenseite drehen kleine Magnete ihre Runden, wodurch ein elektrischer Strom induziert wird. Kein Reiben und völlig geräuschlos soll das "Non Friction Energy System" sein, dass bald in Serie gehen soll. Die Erfindung zeigt, dass die Entwicklung beim Fahrrad noch längst nicht am Ende ist. Man muss nur wollen.

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