Zeitung Heute : E-Book in der Warteschleife

Joachim Huber

Euphoriker hatten der Literatur auf Papier ganz schwere Zeiten vorhergesagt. Die Ablösung des gedruckten Buches durch das elektronische Buch (E-Book) stand kurz bevor. Hatte nicht Stephen King seinen Kurzroman "Riding the Bullet" 2000 ins Internet gestellt und mehr als 500 000 Interessenten gefunden, die je Download einen Dollar bezahlt haben? Selbst dieser Mega-Seller wurde ernüchtert. Beim Nachfolger "The Plant" klappte es mit der Vorkasse nicht mehr. Das "Schwarzlesen" fand massenhaft statt. Schon bei seinem nächsten Roman "Duddits" änderte King die Geschäftsbedingungen. Bis zum Erscheinen des Schockers in gedruckter Form wurden nur noch Episoden zum Download freigegeben.

Teil der Verwertungskette

Die Erfahrungen mit dem E-Book sind zwiespältig, es droht der Remittenden-Status. In den USA, dem Mutterland des erhofften E-Book-Booms, sind zumindest die großen Verlage pessimistisch. "Vielleicht hat Herr Gutenberg ja doch das letzte Wort", sagt Laurence Kirshbaum, der Chef des Buchvertriebs bei AOL Time-Warner. Der Medienriese hat gerade sein Unternehmen E-Book-Shop iPublishing.com geschlossen. Zwar sollen elektronisch aufbereitete Texte weiterhin verbreitet werden, jedoch nur als Ergänzung zu gedruckten Büchern. Mit der Schließung gehen 29 Arbeitsplätze verloren. Nach Ansicht des Konzerns hat sich das Geschäft mit E-Books nicht so entwickelt, wie man es sich ursprünglich erhofft hatte. Zuvor hatte bereits Bertelsmanns Random House seinen E- Book-Onlineshop aufgegeben. Komplett verabschiedet sich keiner der Verlage aus dem neuen Geschäft. Reduzieren und Verschieben heißt das Motto. Wie AOL Time Warner will auch Random House weiterhin elektronische Versionen von Büchern aus dem regulären Verlagsprogramm anbieten. Die Digitalausgabe soll sich damit nahtlos in die Verwertungskette einreihen: Hardcover, Taschenbuch, Audiobook, E-Book. Vielleicht sinken damit auch die Preise der Digitalbücher. Bislang kostete eine nachverwertete E-Book-Ausgabe fast so viel wie die gedruckte Erstausgabe. Das muss die Käufer in den USA ebenso abgehalten haben wie der Preis der notwendigen E-Book- Lesegeräte. Mit weit über 250 Euro eine kostspielige und zuweilen frustrierende Anschaffung: Längst nicht jedes E-Book versteht jede E-Datei. Beim deutschen Internetbuchhändler BOL bleibt das E-Book gelistet. "750 bis 800 Titel sind im Sortiment", sagt Christian Werner vom E-Book-Support und technischen Support. Verkaufszahlen will er nicht nennen, "Science fiction und Fantasy gehen aber am besten". Da bestehe die größte Affinität zwischen Technologie und Nutzer. Bei der Bertelsmann-Tochter kostet das Lesegerät GEB 2000 rund 500 Euro, die E-Books und die gedruckten Versionen haben nahezu identische Preise und Erscheinungsdaten bei der Erstauslieferung. Aus rechtlichen Gründen bleiben das gekaufte Lesegerät und das erworbene E-Book aneinander gekoppelt - was das Verleihen von E-Books mühsam macht. Christian Werner bestätigt die Erfahrung, die auch US-Verlage gemacht haben: "Reine E-Book-Titel gibt es bei freien Autoren" (bei BOL über den Open-E-Book-Standard nutzbar). In solchen Nischen tummeln sich Kleinstfirmen, die mit Sonderprogrammen ihren Schnitt machen. Liebesromane, Western und Science-fiction-Erzählungen von unbekannten Autoren, deren Romane bei Verlagshäusern abgelehnt wurden, sind beim Miniverlag Hard Shell Work Factory der Renner. Nach eigenen Angaben kann der Verlag aus Wisconsin monatlich über 6000 E-Books liefern. Dazu kommen noch Online-Firmen wie ElectricStory.com und Fictionwise.com, wo Digitalausgaben günstig abgegeben werden. Die Auswahl ist begrenzt. E-Book für 50 Cent Fictionwise.com hat einzelne Titel von renommierten Autoren wie Mark Twain oder Jack Kerouac im Angebot; einige der Titel kosten nur einen halben Euro. Auf diesem Wege werden monatlich bis zu 10 000 Billig-E-Books verkauft. Auch hier gilt: Sinkende Preise erhöhen die Kaufbereitschaft. Besonders populär sind E-Book-Titel natürlich dann, wenn sie den Nutzer gar nichts kosten. Das weltweite Interesse an kostenlosen Texten belastet die Server der University of Virginia enorm, dort stehen 1 600 Titel zum Downloaden bereit. Von diesem Angebot unter http://etxt.lib.virginia.edu/ebooks / machen täglich Tausende Gebrauch.

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