Zeitung Heute : E-Business: Websites werden zu Imagebroschüren

Christine Schreiber

Seit Jahresanfang herrscht Krisen- und Katerstimmung im Lager der E-Commercer. Ungeachtet dessen beginnen an deutschen Unis Studiengänge für E-Business und der Zustrom der E-Bildungshungrigen an privaten Instituten ist ebenfalls ungebremst. Und tatsächlich, der Optimismus ist begründet. Spezialisten meinen: Das Internet hat seine Potenziale noch lange nicht ausgeschöpft.

Das sagte sich auch Sylvia Krupicka aus Berlin-Pankow. Die Theaterdramaturgin und Autorin belegte im vergangenen Jahr einen Fortbildungskurs an der Akademie für Kultur und Bildung. "Tagsüber habe ich mich mit BWL, Management und Marketing herumgeschlagen. Nach dem Seminar habe ich dann meine Texte geschrieben," berichtet die zweifache Mutter.

Mitten in dieser Dreifach-Belastung entstand ihre Idee für eine eigene Website. Ziel der Kreativmaßnahme: Ihre Arbeiten zu verkaufen. "Bei mir kann man online Geschichten aussuchen und bestellen", beschreibt die Autorin ihre Geschäftsidee. Anfänglich hatte sie Zweifel: Kreative Arbeit im Internet verkaufen? Inzwischen weiß sie, dass es auch im Netz immer wieder auf das "wie" ankommt, auf die Idee, die dahinter steckt, und auf die Form, die diese Idee bekommt. Die Autorin entwickelte ihre Konzeption für den Internetauftritt als Abschlussarbeit an der Akademie: "Ich war regelrecht besessen von dem Vorhaben, habe Tag und Nacht daran gearbeitet". Bei der gestalterischen Arbeit und technischen Umsetzung half ihr der Profi Thomas Kühn: "Viele Websites sind zwar technisch brillant, haben aber inhaltliche Schwächen. Das eine geht ohne das andere nicht. Eine durchdachte Konzeption ist die wichtigste Grundlage für den Erfolg im Netz".

Seit Anfang März finden Interessierte unter www.call-a-story.de ihre Ideen und Leseproben für Kurzgeschichten, Kindergeschichten, Puppenspiele, Theaterszenen und Hörspiele. "Das Internet erlaubt mir, eine umfassende Darstellung meines Angebotes, die ich anders kaum erzeugen könnte. Der Interessent kann aber trotzdem sehr zielgerichtet und schnell zu dem von ihm gewünschten Thema kommen. Ich halte diese Effektivität für meinen Geschäftserfolg äußerst wichtig".

Das sieht auch Andreas Wirbel, freiberuflicher Medien- und Screendesigner und Dozent an der Akademie für Kultur und Bildung, so: "Das Internet ist keine Garantie für den Geschäftserfolg. Wie bei jedem anderen Marketinginstrument kommt es darauf an, mit welchem Inhalt und in welchem Kontext es benutzt wird". Wirbel, der in einem Fortbildungskurs "Marketing Online" Akademiker verschiedener Berufsgruppen an das Medium Internet heranführen wird, ist sich sicher: "In Zukunft wird kaum ein Unternehmen auf die Präsenz im Netz verzichten können. Die Website wird ebenso vorausgesetzt wie die Visitenkarte oder die Imagebroschüre. Aber genauso muss mehr auf Qualität geachtet werden. Leider gibt es unzählige Auftritte, die von vorne herein nicht funktionieren können. Schade um die Budgets, die da in den Infomülleimer geworfen werden".

Deshalb zählen neben Online-Redaktion, E-Business, E-Commerce und Webdesign auch BWL und Marketing zu den Schwerpunkten seines im April beginnenden Kurses. Wirbel ist überzeugt: "Ob selbstständig oder in einem Unternehmen - das Internet wird zu einem alltäglichen aber nicht alleinigen Medium. Ebenso wie bei allen anderen Medien braucht es vor allem die interdisziplinären Strategen, die für eines sorgen: Effektivität".

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