Zeitung Heute : E-Learning einmal anders Lernen online

In Nordrhein-Westfalen lassen sich Lehrer per Internet weiterbilden

Simone Leinkauf

Mechenheim nahe Bonn: Morgens steht Martina Linten vor der Klasse und bringt ihren Schülern Rechnen, Schreiben und Lesen bei. Nachmittags oder abends sitzt sie selbst vor einem umfangreichen Lernprogramm und paukt englische Vokabeln, Grammatik und Aussprache – so wie rund 1500 weitere Grundschullehrerinnen und -lehrer in Nordrhein-Westfalen. Wenn zum Schuljahresbeginn 2003/2004 Englisch ab Klasse 3 als Pflichtfach unterrichtet wird, möchten sie dabei sein. Doch Martina Linten und ihre fleißigen Kollegen gehen nicht zur Volkshochschule oder besuchen einen Universitätskurs – sie sitzen vor dem Computer. Den Zeitpunkt, zu dem sie büffeln, und die Länge ihrer Lerneinheiten bestimmen sie selbst.

Möglich gemacht hat das der Berliner Cornelsen Verlag, der mit „Prime Time“ die erste umfängliche Qualifizierungsmaßnahme im öffentlichen Bereich, die auf der Basis von E-Learning durchgeführt wird, im Auftrag und mit Unterstützung des nordrhein-westfälischen Kultusministeriums anbietet. Das Land zahlt 500 Euro der Gesamtkosten von etwa 2000 Euro pro auszubildendem Lehrer, der Rest wird vom Cornelsen Verlag übernommen. „Prime Time“ ist somit ein Beispiel dafür, dass die Wirtschaft neuerdings auch staatliche Bildungsaufgaben übernimmt. Langfristig wird das wohl nicht nur in NRW so sein: Bayern hat eine Evaluationsgruppe von elf Lehrern mit ins Rennen geschickt, und auch Brandenburg ist wegen „Prime Time“ im Gespräch mit dem Cornelsen Verlag.

Begonnen hat die ganze Geschichte mit einem Mangel: In NRW wird mit Beginn des Schuljahres 2003/04 Englisch in der Primarstufe ab Klasse 3 verbindlich eingeführt. Das bedeutet, dass zum nächsten Schuljahr alle 3700 nordrhein-westfälischen Schulen der Primarstufe über mindestens eine qualifizierte Lehrkraft für den Unterricht in Englisch verfügen müssen. Volkshochschulkurse bieten sich für die Qualifikation an – doch wer bekommt schon Tausende von Lehrern dazu, regelmäßig in VHS-Kurse zu laufen? Deshalb also „Prime Time“: Der Cornelsen Verlag hat sich mit dem Projekt auf ein neues Feld begeben und hofft in Zeiten zunehmender Internetnutzung auf klare Wettbewerbsvorteile durch die neu erworbene Kompetenz, wenn Weiterbildung in höherem Maße als bisher über Computer und Internet läuft.

Cornelsen-Geschäftsführer Wolf-Rüdiger Feldmann betont, dass der Verlag seine Wurzeln im Fremdsprachenunterricht habe: „Moderne Unterrichtsmedien können ihre Wirkung in qualifizierter Lehrerhand besonders entfalten, deswegen genügt es nicht, nur die Bücher und Medien für den Fremdsprachenunterricht in Grundschulen anzubieten. Wir wollen auch die damit unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer im Vorfeld und bei der Arbeit mit unseren Medien als Coach begleiten.“

„Prime Time“ bietet hierzu gute Voraussetzungen: Bei diesem Projekt werden erstmals Materialien zum Selbstlernen mit Seminaren vor Ort und einem virtuellen Klassenzimmer verbunden. Jeder Kursteilnehmer hat ein Medienpaket erhalten mit zwei integrierten Lehr- und Arbeitsbüchern samt dazugehörigen Audio-CDs zur Schulung des Hörverstehens, multimedialen CD-ROMs zum Selbstlernen und den Zugang zu einer Lernplattform im Internet mit personalisiertem Lernplan, Vertiefungsangeboten, tutorieller Unterstützung und online-basierenden Lernaktivitäten.

Was auf den ersten Blick steril und unpersönlich wirkt, hat sich in der Praxis dennoch bewährt. Im virtuellen Klassenzimmer können die Teilnehmer über Kopfhörer in Echtzeit miteinander kommunizieren und sich auch in kleineren Gruppen zu anderen Zeiten verabreden. Und auch wenn ihr die Spontaneität manchmal fehlt, so überwiegen für Martina Linten eindeutig die positiven Aspekte: „Ich kann mir meine Zeit frei einteilen und die gelieferten Lernmaterialien sind richtig gut.“ Hinzu kommt eine enge Betreuung durch die von der Cornelsen Akademie ausgebildeten Online-Trainer: „Die sind unglaublich wichtig, um die Lerner auch in schwierigen Phasen bei der Stange zu halten“, sagt Katja Kantelberg, die bei Cornelsen für „Prime Time“ zuständig ist. Denn eines der Hauptprobleme vieler Online-Lernangebote ist die hohe Abbrecherquote. Die großen Freiheiten des Online-Lernens fordern den Teilnehmenden viel Selbstdisziplin ab. Auch beim Start von „Prime Time“ waren die Ausgangsbedingungen nicht gerade vielversprechend: Die wenigsten Grundschullehrer verfügten über große Medienkompetenz, und es gab eine Reihe technischer Schwierigkeiten. Und so ist Katja Kantelberg sehr zufrieden darüber, dass die Abbrecherquote zur Halbzeit unter zwei Prozent liegt.

Für Martina Linten und ihre Kollegen, von denen sie nur die aus ihrer eigenen Lerner-Gruppe fünf Mal während der Ausbildung in so genannten „Face to face"-Meetings ohne Datenbahnen und Tastatur trifft, hat längst die zweite Runde begonnen. Und wer am Ende sein C1-Zertifikat in der Hand hat und Englisch unterrichten darf, kann noch auf weitere Kenntnisse aus den zwei Jahren „Prime Time“ zurückgreifen: Der Umgang mit dem Computer wird dann für keinen der Teilnehmer mehr ein Problem sein – und wenn es um den Einsatz des PCs im Unterricht geht, weiß jeder der Lehrer, wie sich ein Schüler am anderen Ende des Computers fühlt.

Internet-, Online oder eben E-Learning-Plattform nennt man eine meist passwortgeschützte Internetseite, die Inhalte für das Selbstlernen am Computer anbietet. Die Lernangebote können die ganze Palette internetfähiger Anwendungen umfassen. Der Begriff E-Learning bezieht sich allein darauf, dass die Lernenden an ihrem Rechner von zu Hause aus arbeiten. sle

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben