Zeitung Heute : E-Mail aus Kuwait

Die größte Angst hatte er am Anfang vor den arabischen Barbieren und ihren Rasiermessern. Das war vor einem Jahr. Seitdem arbeitet Brian Bolt für die US-Armee am Golf. Jetzt hat er andere Gefühle. Ein Auszug aus seinen Berichten.

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Brian Bolt, ein Mittvierziger aus Texas, ist seit einem Jahr mit den amerikanischen Truppen in Kuwait. Er organisiert für die Soldaten Musicals und Rockkonzerte. Freunden in Berlin schreibt er im Abstand von zwei, drei Tagen seine Stimmungsberichte; EMails, in denen das Private überwiegt – bis zum 20.März, dem Tag, an dem der Krieg begann. Bolt kam in den 80er Jahren nach Berlin, er arbeitete bei der US-Botschaft in der DDR. Er hat in Austin, Texas studiert und in seiner Berliner Zeit das „Berliner English Language Theater“ gegründet. Brian Bolt hat dem auszugsweisen Abdruck seiner Post zugestimmt.

12.April 2002, eine der ersten E-Mails:

Seit einem Monat lebe ich nun in diesem Vorort von Kuwait-Stadt, der sich Mouballah nennt, was „Verrückte alte Frau“ bedeutet – aber ja, wo auch sonst! Bagdad ist 385Meilen oder für eine Scud-Rakete sieben Minuten entfernt. Viel gibt es nicht zu berichten, außer dass ein Sandsturm den nächsten jagt. Der letzte dauerte ein paar Tage – es sieht dann so aus, als würde die Sonne von einem dichten Nebel verdunkelt, und beim Autofahren sieht man dann knapp einen halben Meter weit.

Ich muss zugeben, dass ich immer noch eine Gänsehaut kriege, wenn mir mein arabischer Barbier das Rasiermesser an die Kehle setzt. Barbershops gibt’s hier an jeder Ecke. Ich hab’ noch nie so viele eitle Männer gesehen (und dabei hab’ ich jahrelang mit Schauspielern zusammengearbeitet). Sie verbringen Stunden damit, sich Haupt- und Nasenhaare und die Augenbrauen trimmen zu lassen. Aber zum Glück haben die Kuwaiter noch nicht vergessen, dass es die Amerikaner waren, die die Iraker aus ihrem Land jagten.

20.April 2002:

Mir ist aufgefallen, dass es hier keine streunenden Hunde gibt, dafür streunende Katzen. Dass die Autofahrer nachts ihre Scheinwerfer ausmachen, wenn die Straße beleuchtet ist. Dass man fast nur amerikanische Luxusschlitten wie Mercury Grand Marquis, Lincolns und Chevrolets auf den Straßen sieht. Sie sind Wesen von einem anderen Stern.

21.April 2002:

Ich sah heute eine Frau mit Burka oder eine Burka mit Frau. Sie hatte ein Kind an der Hand, dessen Sachen mit „South Park“-Figuren (einer herben US-amerikanischen Zeichentrickserie mit deutlichen Dialogen) bedruckt waren. Wenn die wüsste!

9.Juli 2002:

Oh, diese Jungs vom Silver-Sand-Reinigungs-Service, wann immer ich sie sehe, bügeln sie meine Hemden.

Gestern hatten wir 50 Grad Celsius, heute sank die Temperatur auf 47! Nachts sind es dann nur noch 32! Ich hoffe, ich krieg den Job in Italien und kann bald wieder in den grünen Hügeln des Veneto Prosecco trinken.

23.September 2002:

Was so in den Zeitungen steht: Die USA wollen die Sicherheit im Irak wiederherstellen. Die „New York Times“ will die Pentagon-Vorbereitungen für eine mögliche Irak-Invasion unter die Lupe nehmen. In der „Washington Post“ steht, dass die Regierung plant, die Bevölkerung gegen Pocken impfen zu lassen. Eine psychologische Studie hat herausgefunden, dass Volkstanz das Freizeitvergnügen mit dem höchsten Glückspotenzial ist.

7.November 2002:

Wir haben Ramadan. Es ist also verboten, in der Öffentlichkeit zu essen, zu trinken und zu rauchen. Als Nicht-Moslem kann man nur hoffen, dass die großen Hotels einen Speisesaal geöffnet haben. Die Vorhänge sind aber immer zugezogen. Ich hab’ sowieso den Eindruck, dass sich mein ganzes Leben hinter zugezogenen Vorhängen abspielt. Das Burka-Gefühl.

20.Dezember 2002:

Habt ihr Lust auf einen Shoppingtrip in den wilden Norden Jemens? Es gibt da ein Dorf mit mehr als 50 Läden und allem, was Jungs so mögen: Eine gebrauchte Uzi-Maschinenpistole geht für 170 Dollar über den Tresen, ein nagelneues Sturmgewehr für knapp 400 Dollar. Ein frohes Fest. Das war’s für heute, euer Mann aus Mouballah.

12.März 2003:

Ich hatte einen Traum: Ich fuhr mit meinem Silver Sand Lincoln in Austin herum. Aus dem Lincoln wurde Misty, mein Kamel, und ich nahm an einem Kamelrennen teil. Ich lag vorn mit Misty, die immer schneller wurde und alles hinter sich ließ. Sie raste einfach in die Wüste. Misty, sagte ich zu ihr, warum wirst du nicht wieder zum Lincoln? Ich mag dich in dieser Ausführung lieber, worauf Misty sagte: „Geht nicht, wir sind beide tot, und das hier ist die Hölle.“ Ich sagte: „Nein, das ist nur ein Traum, ich brauch’ nur aufzuwachen, dann bin ich wieder in Kuwait City.“ Gesagt, getan: Ich bin also in meinem Traum aufgewacht – oder träumte ihn vielmehr weiter – und sagte zu Misty: „Siehst du, ich lebe.“ Und sie sagte: „Wie du meinst.“

Donnerstag, 20. März 2003:

Wie ich den Krieg gewonnen habe: Erster Tag.

Mein Dank an alle, die sich erkundigten, wie ich mich an der Front des Golfkriegs behaupte. Soweit ist alles okay, noch ist nicht die Hölle los, wir warten nur darauf. Wachte früh auf heute (Donnerstag/Freitag haben wir frei – typisch Bush, mir auch noch das Wochenende zu vermasseln), hörte mir auf der „Stimme Amerikas“ die Rede des Präsidenten an und ging auf den Balkon, um nachzuschauen, ob das Feuerwerk schon im Gange war. Nur Sand, nichts als dreckiger, brauner Sand, der in jede Ritze, in jede Pore dringt. Er legt sich im Lauf des Tages wie ein Make-up aufs Gesicht, was gar nicht so übel aussieht. Abenteuerlich.

Die chemische Reinigung mit den drei Jungs aus Bangladesch und auch der ägyptische Barbershop haben auf. Alles wirkt völlig normal, ein sandiger Tag, wie das im März so üblich ist.

Luftalarm. Zum dritten Mal heute. Die Raketenabwehr, die um die Stadt herum eingerichtet wurde, hat aber alles im Griff. Es waren konventionelle Waffen, keine biologischen oder chemischen Sprengköpfe. Ich rief einen Freund an, der sich ganz komisch am Telefon anhörte. „Bist du erkältet?“, fragte ich. „Nein, Mann, ich hab meine Gasmaske auf, solltest du auch machen, du Arsch“ – ich weiß jetzt, als Erstes wird nicht die Wahrheit, sondern die Höflichkeit auf der Strecke bleiben.

Freitag, 21.März:

Ich sitze auf meinem Balkon und erinnere mich an den letzten Golfkrieg. Damals arbeitete ich bei der amerikanischen Botschaft in Ost-Berlin – hinter dem Eisernen Vorhang, der Kalte Krieg ging gerade zu Ende. Ein Krieg, an den ich jetzt nur voller Wehmut denken kann. Deutsche Studenten hatten sich vor der Botschaft versammelt, hielten ihre Transparente hoch und sangen Lieder von Bob Dylan und John Lennon. Viele hatten Kerzen in der Hand. Ich hab’ vergessen, wie lange dieses Straßenfest dauerte, eine Woche vielleicht. Damals 1991, das sei ein kurzer „sauberer Krieg“ gewesen, sagt man jetzt.

Wieder Frühstück auf meinem Balkon. Auf den Straßen ist es merkwürdig still. Wahrscheinlich haben die Raketen doch Eindruck auf die Menschen gemacht, denn als ich gestern frühstückte, waren ja alle noch äußerst betriebsam gewesen. Da die Raketenabwehr bislang nur Treffer verzeichnete, mache ich mir noch keine Sorgen.

Zweite E-Mail, mittags:

Ich hab’ mich auf den Weg gemacht, um zu sehen, wie’s meinen Freunden geht. Als Erstes stattete ich den Jungs von der Reinigung einen Besuch ab. Sie winken mir jedes Mal zu, wenn sie mich auf der Straße sehen und laden mich auf einen Tee ein. Ich setze mich dann auf den bequemsten Plastikstuhl, den sie haben, und versuche mit dem höllisch heißen Styroporbecher in der Hand Konversation zu machen. Es sind bestimmt über 50 Grad in dem Laden, in dem es ständig zischt und dampft. Sie fragen mich höflich: „How you Boss, troubles soon go away?“

Dritte Mail, nachmittags:

Ein paar meiner indischen Freunde leben in einem Camp, zu viert in einem Raum. Ich schätze die Zahl der Campbewohner auf ungefähr 1700. Die Anlage wirkt wie ein Zwischending aus Internat und Gefängnis. Ihre Familien bombardieren sie mit Anrufen aus Indien und wollen, dass sie nach Hause kommen. Ihre Arbeitgeber wollen das aber nicht. Ich fahre wieder in mein modernes Hochhaus zurück, mit frisch gebügeltem Hemd und gewaschenem Auto.

Vierte Mail, abends:

Die Arabian Gulf Street ist der Kurfürstendamm von Kuwait-Stadt. Heute ist sie wie ausgestorben. Keine Jaguars, keine Ferrari, nur Polizei. An der Tür des „Applebe Cafés“ steht mit krakeliger Schrift: „Geschlossen bis auf weiteres“.

Samstag, 22.März:

Zitat von Dwight D. Eisenhower: „Ich hasse den Krieg, wie ihn nur ein Soldat hassen kann, der ihn erlebt hat, wie einer, der seine Brutalität, seine Sinnlosigkeit, seine Dummheit gesehen hat.“ Keine weitere Info im Augenblick, bin zu beschäftigt.

Sonntag, 23.März:

Am Samstag war ich früh im Büro, um die Post und die Stimmung zu checken. Die Leute lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Es gibt die, die fertig sind mit den Nerven, und die, die wie üblich alles auf die leichte Schulter nehmen. Gegen sieben bin ich wieder nach Hause gegangen und sofort eingeschlafen. Um vier Uhr morgens schaltete ich wieder den Fernseher an: Ein amerikanischer Soldat wurde getötet, zwölf weitere sind verwundet. Ich schaute von meinem Balkon auf die Stadt und fragte mich, was für ein Gefühl das ist, wenn man von einer Armee eingekreist ist, die jeden Augenblick losschlagen könnte. Ich sprach mit einer Frau, die Verwandte in Basra hat. Kurz nach dem Kriegsausbruch hat sie sie angerufen. Wie sich herausstellte, wussten die nicht, dass der Krieg angefangen hatte.

Nach dem ersten Schock kommt das Leben wieder in normale Bahnen. Vom Balkon aus sah ich, dass im Liberation Tower – vierthöchster Fernsehturm der Welt – die Lichter wieder angegangen sind. Und man hört auch wieder den Verkehr. Ich muss zugeben, dass mir diese mysteriös stille Stadt mit ihren leeren Straßen gefallen hat. Aber nichts vermittelt mehr den Eindruck vom Ende der Welt, als wenn der Verkehr zum Erliegen kommt.

Zusammengestellt und übersetzt von Uta Goridis und Guido Schirmeyer.

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