Zeitung Heute : Echte Kerle (und andere)

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Die männlichen Filmstars unter die Lupe genommenGym"Der sieht ja aus wie Braunbier mit Spuêke", sagte neulich eine Frau, als sie Leonardo di Caprios ansichtig wurde, der sich mit seiner Hauptrolle in "Titanic" zu neuen Höhen des Ruhms und weiblicher Verehrung emporgespielt hat.Tatsächlich hätte man das gerade bei diesem Film am allerwenigsten erwartet sollte man doch denken, daß Frauen sich im Notfall eher Typen wie Bruce Willis oder Harrison Ford an ihrer Seite wünschen: Wenn der blöde Dampfer schon absäuft, sollte frau doch besser jemanden haben, der sie da raushaut statt jemanden, den sie in dieser Situation womöglich auch noch trösten muß.Doch di Caprio entzückt die Damenwelt als der sanfteste aller Buben, die momentan in Hollywood obenauf sind: von Johnny Depp über Brad Pitt bis zu Matt Damon, der in Kürze auch uns in "Good Will Hunting" begeistern soll lauter rundgesichtige, stupsnäsige, pausbäckige Kerlchen, deren Bart kaum mit der Lupe zu finden ist und deren Antlitz im Laufe der Zeit eher schwammig denn faltig wird. Daß eingangs zitierte Dame das nicht attraktiv findet, mag daran liegen, daß sie zu sehr im Alten befangen ist.Oder ist sie einfach (zu) deutsch? Denn während in Hollywood die Bubis Konjunktur haben, geht die Entwicklung in Deutschland in die entgegengesetzte Richtung.Nicht, daß "Titanic" hier kein Kassenschlager wäre oder dreizehnjährige Mädchen und dreißigjährige Schwule hier nicht den Bubibands zujubelten, wenn diese ihre haarlosen Brüste entblößen.Aber die deutschen Stars, auch die in den letzten Jahren nachgewachsenen, sind da schon von anderem Schlag. Heiner Lauterbach zum Beispiel wirbt für Männlichkeitspillen, pflegt das Image des Womanizers und hat eine Halbglatze (bekanntlich eine Folge überschießender Testosteron-Produktion).Jürgen Vogel, ohnehin auf den prolligen Rotzlöffel und psychopathischen Kinski-Ersatz abonniert, läßt sich immer ausgiebiger tätowieren und das blonde Haar immer kürzer scheren (und sein Gebiß sieht auch nach leichter Korrektur noch immer wie nach einer Notoperation im Feldlazarett aus).Til Schweiger, recht bullig gebaut und mit kantigen Zügen, gibt zwar immer wieder den lieben Jungen, versucht dieses Image aber verzweifelt loszuwerden.Ben Becker beeindruckt mit imposanter Reibeisenstimme.Und Kai Wiesinger, wohl der weichgesichtigste unter den einheimischen Jungstars, hat sich einer radikalen Hungerkur unterzogen, dabei allen Babyspeck verloren und sieht reichlich ausgezehrt aus.Von älteren Kerlen wie Heinz Hoenig, Mario Adorf oder Götz George wollen wir erst gar nicht reden. Aber ist das alles überhaupt noch politisch korrekt? Dürfen wir weiterhin auf verdächtig deutsch-kerniger Kerligkeit bestehen und uns der aus Amerika herüberschwappenden Weichspüler-Welle verweigern? Wir hoffen auf wütende und traurige Boykottaufrufe und Demonstrationen der üblichen Betroffenen.

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