Zeitung Heute : Echte Tiere treffen

Nicola Kuhn

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Jan und Josefine sind Stadtkinder, wie sie im Buche stehen. Zu Tieren haben sie zwar kein gestörtes Verhältnis, aber doch eine besondere Beziehung. Sie ist eher fantastischer Natur mangels realer Exemplare. Denn trotz erster Anfragen, ob wir uns nicht ein Kaninchen oder wenigstens ein Pony anschaffen könnten, gehen die beiden auf Distanz, sobald ihnen ein Hund auf dem Bürgersteig begegnet. Jans jüngster, vom Herrchen animierter Versuch, einen Pudel zu streicheln, endete mit einem Beinahe-Biss in die Hand. Das war es dann erst einmal wieder.

Vielleicht schlüpft er deshalb am liebsten selbst in die Rolle noch größerer Tiere. Beim Frühstück etwa mimt er gerne einen Dinosaurier, dem man schnellstmöglichst das Müsli hinzustellen hat, damit er sich nicht vor Hunger an den Tischnachbarn vergreift. Josefine ist dann jedes Mal entzückt und entdeckt ihre mütterliche Ader. Sie streichelt hingebungsvoll den Rücken ihres Zwillingsbruders, nennt ihn „Mein Kleines“ und ermahnt mich, den süßen Dino nicht so zu verschrecken. Nur mit Mühe vermag ich noch die Aufmerksamkeit auf den Frühstückstisch zu lenken, bevor sich Josefine auf den Rücken ihres persönlichen Haustieres wirft und durch die Wohnung zu reiten beginnt. Auf diese Weise fühlt sie sich ihrem neuesten Berufswunsch „Tierpflegerin“ ein wenig näher.

Tatsächlich besitzt sie auch schon eine Reihe Talente, die dafür ausgesprochen nützlich sind. So kommuniziert sie tadellos mit den Krähen im Schöneberger Volkspark. Für Unkundige liefert sie hinterher die Übersetzung, was das beeindruckende abwechselnde „Krakra“ bedeutet: „Guten Morgen, Josi!“, „Guten Morgen, ihr Krähen!“ undsoweiter. Auch die Meerschweinchensprache beherrscht dieses begnadete Kind. Mit leicht verdrehten Augen zieht sie dazu quietschend die Luft durch die Zähne. Das hat sie zuletzt auf einem Kinderbauernhof gelernt, wo sie ein Exemplar Stunde um Stunde auf ihrem Schoß betüddeln durfte. Der schönste Moment: als es sich auf ihrer Hose entleerte. Ganz real.

Storchenhof, Werderdammstr. 12, 14669 Paretz, Tel.: 033233/73710

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