Zeitung Heute : Eddie the Eagles Erben

Hartmut Scherzer

Es soll Leute geben, die von den vor allem vom Gastgeberland vorangetriebenen Heldenbildungen dieser Olympischen Spiele allmählich genug haben. Wenn Sie dazu gehören, sollten Sie die Ergebnislisten vielleicht einmal von hinten lesen. Zum Beispiel die Reihenfolge im klassischen Skilanglauf über zehn Kilometer. 83. Isaac Menyoli (Kamerun) 19:33,1 Minuten hinter dem Sieger Johann Mühlegg, 82. Jayaram Khadka (Nepal) 18:13,1, 81. Arturo Kinch (Costa Rica) 15:23,3, 80. Philip Boit (Kenia) 10:14,4 Minuten zurück. Diese vier waren in Salt Lake City die einzigen Teilnehmer ihrer Länder. Unbekannt sind sie trotz ihrer Chancenlosigkeit selten, in der Vergangenheit der Winterspiele erlangten Exoten manchmal mehr Ruhm als die Medaillengewinner.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Man denke nur an Eddie "The Eagle" Edwards, den britischen Skispringer mit den dicken Brillengläsern. Der sprang 1988 in Calgary zwar fast fünfzig Meter kürzer als Sieger Matti Nykänen, aber rückblickend erscheint sein Name fast populärer als der des dreimaligen Olympiasiegers. Im gleichen Jahr wagte sich ein Bob-Team aus Jamaika in den Eiskanal. Dass die Männer mit dem Kampf um Medaillen nichts zu tun hatten, hinderte sie nicht daran, mit ihrer verfilmten Geschichte "Cool Runnings" weltweiten Ruhm zu erlangen. Heute versetzt ein Zweierbob aus Trinidad & Tobago kaum mehr jemanden in Erstaunen. Gregory Sun und Errol Aguilera wurden Letzte hinter dem Bob der Virgin Islands. Gefährlicher geht es mitunter beim Rodeln zu. So musste in Salt Lake City ein Helfer seinen Einsatz mit dem Verlust einer Fingerkuppe bezahlen, weil die Venezolanerin Iginia Boccalandro nach einem Sturz ihren Schlitten unbemannt gen Ziel schlittern ließ. Rodler aus Indien oder von den Bermudas - Patrick Singleton marschierte trotz eisiger Kälte stilsicher in Bermuda-Shorts zur Eröffnungsfeier ein - haben ein wenig von ihrem exotischen Reiz verloren, seit der internationale Verband interessierte Sportstudenten aus Sommerländern rekrutiert, ausbildet, fördert und finanziert, um seinen olympischen Status zu erhalten. 25 teilnehmende Nationen sind dazu erforderlich. Auf derartiges Anheuern ist der Skiverband natürlich nicht angewiesen. Seine Exoten sind eher Hobby-Skifahrer, die wegen ihrer schneelosen Heimat nicht nur im Urlaub, sondern auch bei Olympia die Pisten hinunterwedeln dürfen.

So werden selbst Südseeinseln auf einmal winterolympisch. Wie Fidschi durch Laurence Thoms. Der erste Teilnehmer an Winterspielen aus dem Pazifik fliegt zum Skifahren zum Berg Ruapheu in Neuseeland und startet dort auch bei nationalen Meisterschaften und FIS-Rennen. Im Riesenslalom wurde Thoms, angefeuert von einer eigenen Fangruppe in weiß-blauen Parkas mit der leuchtenden Aufschrift FAST (Fiji Alpine Ski Team), als 55. - 18,70 Sekunden hinter Stephan Eberharter - nicht einmal Letzter. Der Ungar Peter Vincze (23,45) und Gian Giordani (25,03) aus San Marino waren noch langsamer. Von den vier exotischen Langläufern ist Arturo Kinch mit 46 Jahren einer der ältesten Olympiateilnehmer. Der Architekt Isaac Menyoli, der längst nicht mehr am Kilimandscharo, sondern in Milwaukee lebt, hatte als Student zum Spaß einmal für einen Volkslanglauf in Wisconsin die Skier angeschnallt: "Es war das Lächerlichste und Schmerzlichste, was ich jemals gemacht habe." Aber er war auf den Geschmack und auf die Idee gekommen, für das längst verlassene afrikanische Heimatland in Salt Lake City zu starten. Und dafür hat Menyoli ein ganz besonderes Motiv: "Ich möchte die fünfzehn Minuten Ruhm dazu nutzen, um auf das große AIDS-Problem in Kamerun aufmerksam zu machen." Philip Boit, Bruder des einstigen 800-Meter-Weltklasseläufers Mike Boit, war schon in Nagano dabei und wurde 92. und Letzter über die zehn Kilometer. Er lebt in Kenia, trainiert in Finnland und gefiel sich auch bei den Weltmeisterschaften 1999 in Ramsau in der Rolle des Schlusslichts: "Als Letzter wirst du beachtet. Sogar Björn Daehlie hat mich in Nagano am Ziel in Empfang genommen." Zwanzig Minuten nach seinem Sieg über 10 Kilometer.

Hinter der ersten Olympiateilnahme Nepals im Winter verbirgt sich eine rührselige Geschichte. Ohne den englischen Millionär Richard Morley würde Jayaram Khadka heute noch immer in Katmandu Fußböden schrubben, sich in Minen und Steinbrüchen des Himalaya placken. Auf einer Himalaya-Expedition 1984 erlitt Morley in 5000 Meter Höhe ein Lungenversagen und wurde bewusstlos. Der Polizist Basu Khadka aus dem nächst gelegenen Dorf lief drei Tage lang fast hundert Kilometer zum nächsten Telefon, um Rettung für den Engländer herbeizurufen. Nach seiner Genesung kehrte Morley in das Dorf zurück, um seinen Retter zu finden und zu belohnen. Das Einzige, was Basu Khadka sich wünschte: "Sollte mir einmal etwas zustoßen, kümmere dich bitte um meinen Sohn." Der Gerettete versprach es, baute eine florierende Computer-Firma in England auf und wollte 1990 seinen Retter besuchen. Der war inzwischen verstorben. Also machte sich Morley auf die Suche nach dessen Sohn und fand ihn nach Monaten als Kinderarbeiter in einer der ärmsten Gegenden des Himalaya. Morley nahm Jayaram Khadka mit nach England und durfte ihn nach einem siebenjährigen Rechtsstreit adoptieren. Khadkas Geburtstag war nicht festzustellen, wurde behördlich auf den 5. Oktober 1972 festgesetzt. In den Wintersportanlagen seines Pflegevaters in den Alpen lernte Jayaram Khadka Skifahren. Doch Knie- und Schulterschmerzen, Folgen der Plackerei als Kind, zwangen ihn, die Abfahrten aufzugeben. Er wechselte zum Langlauf.

Erst Ende letzten Jahres nahm Khadka am ersten Rennen teil, um sich für Olympia zu qualifizieren. Richard Morley ist auch in Salt Lake City sein Betreuer und erzählt seine wunderbare Geschichte. "Es ist eine großartige Sache", sagte Khadka, "den Mount Everest zu den Olympischen Spielen zu bringen. Das ist ein großer Moment für Nepal." Anders als die Fidschi-Inseln passt der höchste Berg der Welt ja auch zu den Winterspielen.

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