Zeitung Heute : "Eddypussy" und die Sphinx

Ein Polaroid-Foto aus dem Berlin der neunziger Jahre: Steven Berkoffs "Greek" im Stükke-TheaterDie Pressemitteilung zu "Greek" begann mit einem Versprechen.Das Versprechen lautete: "Mutterficken leichtgemacht" - und warf existentielle Fragen auf: Sollten außer mir etwa alle, die die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse gelesen haben, an die leichteste Möglichkeit der Vereinigung mit ihrer Mutter denken? Muß ich also dringend auf die Couch? Dann gab es eine Erlösung.Ebenfalls Freud.Die Verdrängung.Steven Berkoffs "Greek" - auch das war vorab zu erfahren - sei als "white trash comedy" inszeniert und im Berlin der Neunziger angesiedelt.Das Berlin der Neunziger ist in Kreuzberg bekannt; das ist aktuell; das ist Theater mitten aus dem prallen Leben und so weiter, und die existentiellen Fragen konnten also irgendwie per Übertragung in eine gewisse Spannung umgewandelt werden. Die entlud sich dann so: Im Berlin der Neunziger ist Ödipus ein Kind aus Moabit, das vom Wurstverkäufer zum Wurstfabrikanten und also vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigt.Sein Katharsis-Ziel: Kampf den Farb- und Konservierungsstoffen; Wurst aus der Mark Brandenburg! Im übrigen heißt Ödipus Eddy Pusz.Und ist von Donald Berkenhoff im Stükke-Theater auch genau so - nämlich "Eddypussy" - inszeniert worden.Sprich: Die Pest - das sind "die Republikaner und schwulen Liberalen", die "geistlose Trance" der "kraftvollen Jugend" morgens um acht in den Linien U1 und U7 und die Hitlerbilder auf verstaubten Öfen - ist der running gag. Der Orakelspruch: die Prophezeiung eines Zigeuners auf dem deutsch-französischen Freundschaftsfest.Iokaste, die Mutter, Geliebte und Ehefrau: "Schnucki".Die Sphinx: Im Pergamon-Museum; als multiple Persönlichkeit, die sich mit der Museumswärterin vermischt, wobei die Museumswärterin sich wiederum in eine Hardcore-Feministin ("Du Nichts / Du Mann / Du Beleidigung der Natur") verwandelt.Kurz: Der Regisseur denunziert alle Figuren; er denunziert Identifikation und Katharsis und Botschaft und Moral; Theben ist heutzutage schließlich nichts als ein Urlaubsfoto, das die neuen Zahnkronen des Eddy Pusz ganz besonders gut zur Geltung bringt.Es ist eben einfach alles einmal mehr sehr postmodern.Weshalb das Finale - bei Berkoff endet es mit Eddys: "Es ist Liebe, das fühle ich, egal, wie sie sich ausdrückt" - bei Berkenhoff gar nicht vorkommt.Träume verenden im Offtheater ja immer öfter in Bildschirmen.Hier zeigen die Monitoren einen - ebenfalls naheliegenden - "Bitte melde dich"-Verschnitt. Der Regisseur erklärt auch, warum er "Greek" als soap opera inszeniert hat, die sich über soap operas lustig macht: "Die Ratten", sagt Herr Pusz im Stück, "überqueren den Adenauerplatz Richtung Schaubühne ...Sie versuchen, die Theater-Ratten aufzuwecken, die schon im Koma liegen, arg mitgenommen von der abendlichen Gehirnwäsche." Nun könnte ich zwar nicht behaupten, daß "Greek" mich aus einem Koma erweckt habe, aber es ist streckenweise durchaus sehr witzig, weil Xenia Fitzner, Rainer Reiners und Nicolas Weidtman die Parodie sehr gut beherrschen.Einzig Marina Schütz als "Schnucki" entschärft ihre Rolle durch allzu aufdringliche Übertreibung. Aber wenn Berkenhoffs Inszenierung von Berkoffs "Greek" nichts als ein Berlin-Polaroid sein will (was ja des Regisseurs gutes Recht ist, wenngleich Berkoffs Stück viel böser sein könnte), lautet die alles entscheidende Kritikerfrage, inwiefern "Greek" wirklich ganz prall der "geistlosen Trance" der "kraftvollen Jugend in der U7 und U1" entstammt.Und die läßt sich wie folgt beantworten: In "Greek" ist Eddy aus dem Kanal gefischt worden.Und auf der Rückfahrt in der U7 hörte ich einen alkoholisierten Mann liebevoll zu seinem halbwüchsigen Sohn - und diese Koinzidenz ist jetzt wirklich wahr - sagen: "Dich kleinen Scheißer haben wir aus dem Wald aufgelesen." Aber - und das ist jetzt auch wirklich wahr - anschließend, in der U1, verschenkte jemand Sonnenblumen.Stükke-Theater, Hasenheide 54, bis 16.Juni, immer Donnerstag bis Montag, jeweils 20 Uhr 30.

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