EDITORIAL : Damals hinterm Mond

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Beim Wühlen auf dem elterlichen Dachboden fiel mir vor kurzem ein Karton mit uralten, selbst aufgenommenen Musikkassetten in die Hände. Da ich Besitzer eines Automobils mit Kassettengerät bin, hielt ich es für eine gute Idee, diese Artefakte meiner Jugend aus dem Dornröschenschlaf zu holen und zu überprüfen, was mein pubertierendes Ich in den späten Siebzigern für einen Musikgeschmack hatte. Dass ich damals kein Radar für die Bedeutung zeitgenössischer Popmusik hatte, ahnte ich schon. In der dörflichen Abgeschiedenheit bot einzig das regionale Radioprogramm und Ilja Richters „Disco“ Zugang zum popkulturellen Informationsfluss. Dass ich allerdings ohne Qualitätsfilter ganz schlimme (Luv’: „Trojan Horse“) neben großartigen (Original Mirrors: „Flying“) Songs mitgeschnitten habe, lässt mich ein wenig vor meinem jüngeren Selbst schaudern. Immerhin, manche der abenteuerlichen Kompilationen könnten in ihrer Häufung abstruser Geschmackssünden fast schon wieder von hippen Raritätenjägern der Jetztzeit stammen. Alles eine Frage der Perspektive.

Jörg Wunder

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