EDITORIAL : Drachen aus dem Fundus

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Konnten Sie in diesem Jahr bislang unbekannte Schübe von Euphorie und Verschwendungssucht an sich beobachten? Haben sie einfach so den holden Abendstern besungen oder sind in den Keller gegangen, um sich endlich ein brauchbares Schwert zu schmieden? Wenn ja, dann liegt das sicher am Wagner- Jahr. Heuer jährt sich die Geburtsstunde des Komponisten aus Leipzig zum 200. Mal. Das bleibt nicht ohne Folgen auf unser Kulturleben. Jeder Sänger, der auch nur halbwegs in der Lage ist, Wagners vokale Torturen auf sich zu nehmen, ist überbucht. Die Dienstpläne von Orchestermusikern explodieren angesichts der hohen Frequenz von schwindelerregenden Wagneroperlängen. Alle noch halbwegs vorzeigbaren Drachen zerrt man aus dem Fundus. Kehlen und Budgets werden zuschanden kommen, und die Theaterfeuerwehr rückt ohne Unterlass in Galaformation zum Weltenbrand der Götterdämmerung aus. Nach dem Wagner-Jahr dann überall rauchende Trümmer und überzogene Etats. Was für eine Chance, rundum ruiniert die Welt neu zu entdecken. Ulrich Amling

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