EDITORIAL : Lautsprecher sind doof

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Obwohl ich mich für einen politisch interessierten und mit vielen Entwicklungen durchaus unzufriedenen Menschen halte, bin ich in meinem bisherigen Leben nur äußerst selten auf Demonstrationen gewesen. Eine mögliche Ursache für diese Passivität wurde mir am vergangenen Wochenende vor Augen geführt. Da war ich in der niedersächsischen Landeshauptstadt unterwegs, als mir ein Grüppchen von 60-70 Leuten entgegen kam, die tapfer das trübe Novemberwetter ignorierten und das Tragen von Pelzen anprangerten. Begleitet wurde der Zug von einem Wägelchen mit zwei Lautsprechern, aus denen eine Fingernagel-auf-Schiefertafel-schrille, schaurig verzerrte Frauenstimme erklang, die Parolen zum Mitbrüllen vorgab. Und da wusste ich wieder, warum ich Demos instinktiv meide: Es sind fast immer, unabhängig von Geschlecht oder politischer Gesinnung, die mit den schrecklichsten, am Unangenehmsten ins Mark fahrenden Stimmen, die sich ans Mikro- oder Megafon drängeln. Um dagegen zu protestieren, würde ich vielleicht sogar an einer Demo teilnehmen.Jörg Wunder

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