EDITORIAL : Nur nicht in die Luft gehn

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Meteorologische Extreme setzen zwischenmenschliche Toleranzschwellen deutlich herab. Was in glühender Sommerhitze Massenschlägereien in Freibädern, sind im klirrenden Winter gewalttätig eskalierende Schneeballschlachten. Und wenn die S-Bahn ausfällt, das Auto streikt und sich die Gehwege in ein namenloses Grauen aus Matsch, Eis, Böllerresten, Hundekot und Splitt verwandeln, liegen manche Nerven blank. Wie bei dem unbekannten Filmkritiker, der nach der Pressevorführung des wunderbaren „The King’s Speech“ in den – auf die Minute pünktlichen – Doppeldeckerbus stieg und den auf das Vorzeigen der Fahrkarte bestehenden Fahrer mit „Sie blödes Arschloch“ anblaffte. Der revanchierte sich, indem er den impertinenten Fahrgast des Busses verwies. In Anbetracht der Tatsache, dass eine derartige Kombination von Kraftausdrücken im Fall einer Anzeige wohl einen vierstelligen Eurobetrag gekostet hätte, eine ziemlich souveräne und deeskalierende Art der Retourkutsche. Was auch der vom Regen begossene, reumütig dreinblickende Übeltäter eingesehen haben dürfte. Jörg Wunder

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