Zeitung Heute : Edle Gefäße sammeln

Von Elisabeth Binder

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Jammern ist nicht mehr ganz so in. Klar, erstens tun es alle, und nichts ist in, was alle tun. Zweitens geht die allgemeine Jammerei jetzt schon so lange, dass einfach aus Erfrischungsgründen neue Töne herbei müssen. In trendigeren Kreisen ist der Lichtstreif am Horizont schon ziemlich breit, wenn man auch nur hinter vorgehaltener Hand zugibt, ihn schon gesichtet zu haben. Zu den Vorzügen einer flexiblen Gesellschaft gehört die sinkende Toleranzschwelle für alle Phänomene, die älter sind als ein paar Monate. Zur Not knipst man mit kleinen Tricks selbst die Scheinwerfer an. Zum Beispiel mit einem Ausflug in die archetypische Welt der Gefäße. Sonntags ist schließlich der Tag, an dem man lieben Freunden gute Getränke kredenzt.

Man muss sich nur mal angucken, aus wie vielen verschiedenen Gläsern wir trinken oder trinken könnten, wenn unsere Konten und Schränke nur über die notwendige Kapazität verfügten. Ausschnitt aus einer kleinen Konversation im Glasladen. „Was für ein Glas ist denn dieses?“ fragt die Kundin mit dem schwarzen Poncho. „Das ist ein Whiskybecher.“ „Kann man da auch Wasser draus trinken?“ „Tja, ich weiß nicht recht, das hier sind eigentlich unsere Wassergläser.“ Die Verkäuferin hält ein Glas mit Stiel in die Höhe. „Ach, das hatte ich für ein Weinglas gehalten.“ „Nein, nein, unsere Weingläser sind hier drüben. Hier stehen die für Riesling, dort die Barologläser und hier die Burgundergläser.“ Hmmm. Die Kundin zeigt auf die etwas schlankere und höhere Version des Whiskybechers: „Wie ist es denn damit, könnte man daraus Wasser trinken?“ „Also das sind eigentlich unsere Saftgläser.“ Daneben stehen die Milchgläser und daneben die Teegläser. Dahinten noch die Bierseidel, darunter spezielle Varianten für Pils oder Weißbier, Cognacschwenker und die Spezialgläser für Caipirinha, Campari, Martini, Grappa, Obstler, Magenbitter etc. Hier die kleinen Kelche sind für Sekt, dort drüben die größeren für Champagner. Wahrscheinlich kann man aus all denen auch Wasser trinken, sind ja keine Siebe. Aber die Frau im schwarzen Poncho sieht nicht so aus, als wenn sie das nötig hätte. Sie sieht eher so aus, als wolle sie ihre Tafel mit Champagner, Chardonnay-, Burgunder- und Grappagläsern dekorieren und nur der Vollständigkeit halber die ganz korrekten Wassergläser dazu stellen.

Die Zahl der Leute, die Wert auf den Unterschied zwischen einem Champagner- und einem Sektkelch legen, ist dennoch wahrscheinlich eher klein. Was mich an eine sehr feierliche und sehr königliche Tafel erinnert, auf der die Kelche, aus denen der Aperitif getrunken wurde, zum Dessert noch einmal zum Einsatz kamen – ohne zwischendurch gespült worden zu sein. Alte Tradition schlägt modernen Luxus stilistisch jederzeit, auch wenn die zweimalige Verwendung ein- und desselben Glases der Spülmaschinengeneration wie ein schrecklicher Anachronismus erscheinen muss.

Jedenfalls sind die Museumsdirektoren späterer Zeiten nicht zu beneiden, wenn sie all die Gefäße, die unserer Epoche zum Trinken zur Verfügung standen, nach Benutzungsqualifikation sortieren müssen. Vielleicht sind es doch die glücklichen Besitzer solch ausgefeilter Trinkwerkzeuge, die zu beneiden sind.

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