Zeitung Heute : Ehrung an historischem Ort

Aus dem Otto-Hahn-Bau wird der Hahn-Meitner-Bau: Freie Universität macht Lise Meitners Verdienste bei der Entdeckung der Kernspaltung sichtbar

Elvira Scheich
Foto: FU frei

Sie war eine der großen Wissenschaftlerinnen und entscheidend an der Entdeckung der Kernspaltung beteiligt. Doch die Experimentalphysikerin Lise Meitner, die 1938 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen musste, hat offiziell nicht die wissenschaftliche Anerkennung gefunden, die ihr zustand. Mehr als 40 Jahre nach ihrem Tod ehrt die Freie Universität die Forscherin nun mit einem besonderen Festakt: Am 27. Oktober wird der Otto-Hahn-Bau an der Thielallee in Dahlem – in dem Lise Meitner ein Vierteljahrhundert als Abteilungsleiterin des damaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie tätig war und der heute das Institut für Chemie und Biochemie der Freien Universität beherbergt – in Hahn-Meitner-Bau umbenannt.

Ihren letzten Arbeitstag im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie am 12. Juli 1938, einem Dienstag, beendete Lise Meitner gegen acht Uhr abends. „Danach hatte ich genau eineinhalb Stunden Zeit, um ein paar notwendigste Sachen in zwei kleine Koffer zu packen“, erinnerte sich die Physikerin. Ihre Wohnung lag im Nebenhaus, der „Direktorenvilla“, die später im Krieg zerstört wurde. Dort konnte sie nicht bleiben, denn einer der Nachbarn, ihr Institutskollege Kurt Hess, hatte sie bereits mehrfach denunziert. So verbrachte sie die letzte Nacht in Berlin bei ihrem Wissenschaftlerkollegen Otto Hahn und dessen Frau Edith.

Bis zur Annexion Österreichs am 13. März 1938 war die gebürtige Wienerin und Tochter eines jüdischen Rechtsanwaltes vor den rassistischen Gesetzen des NS-Regimes einigermaßen geschützt geblieben. Nun wurde sie als deutsche Staatsbürgerin betrachtet, und ihr österreichischer Reisepass war ungültig geworden. Von ihren Fluchtplänen wussten – außer den Hahns und ihrem holländischen Kollegen Dirk Costner, der Meitners Fluchtweg vorbereitet hatte und sie auf der Reise über die Grenze begleitete – nur drei weitere Personen, darunter der Physiker und Nobelpreisträger Max von Laue.

Mit ihrem Abschied aus Deutschland endete für Meitner ein erfolgreicher und erfüllter Lebensabschnitt. Um Max Plancks Vorlesungen hören zu können, war die Wissenschaftlerin 1907 direkt nach dem Abschluss ihrer Promotion an der Wiener Universität nach Berlin gekommen. Mit ihrer Forschung zur experimentellen Kernphysik trug sie selbst bald wesentlich zur Begründung einer modernen Physik bei. Seit 1907 arbeitete sie mit dem Chemiker Otto Hahn zusammen, 1913 wurde sie als wissenschaftliches Mitglied in die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft aufgenommen. Neun Jahre später habilitierte sie sich an der Berliner Universität und wurde dort 1926 zur außerordentlichen Professorin ernannt. Zweimal war sie gemeinsam mit Hahn für den Nobelpreis nominiert.

Über Holland und Dänemark erreichte Meitner in den ersten Augusttagen 1938 das schwedische Exil. Dort nahm sie ein Stellenangebot des Nobel-Instituts an. Ihren 60. Geburtstag am 7. November erlebte sie in Stockholm, in Freiheit. Die Flucht war ihr gerade noch rechtzeitig gelungen: Zwei Tage später wüteten die Novemberpogrome im NS-Reich. Staatenlos geworden, ihrer Pensionsansprüche und ihrer persönlichen Habe beraubt, für Jahre auf einer gering bezahlten Position, schrieb Meitner damals resigniert an Hahn: „Es ist alles wenig schön.“

Drei Tage vor Weihnachten 1938 erfuhr die Forscherin vom Fortgang der Versuchsreihe im Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut, an der sie seit 1934 mit Hahn und dem Chemiker Fritz Straßmann gearbeitet hatte. Noch beim letzten Treffen mit Hahn, Mitte November in Kopenhagen, hatte sie auf Kontrolltests gedrungen. Nun lagen die Befunde dieser radiochemischen Analysen vor. Während der Feiertage traf Meitner ihren Neffen, den Physiker Otto Robert Frisch. Gemeinsam gelang ihnen die physikalisch-theoretische Erklärung der Tests: Es musste sich um Kernspaltung handeln.

Hahns und Straßmanns Ergebnisse erschienen am 6. Januar 1939 in der Zeitschrift Die Naturwissenschaften, Meitner und Frisch veröffentlichten ihre Ergebnisse am 11. Februar in Nature. Noch funktionierte die Zusammenarbeit im Team Hahn-Meitner-Straßmann, per Post gingen Überlegungen und Fragen, Notizen und Mess-Ergebnisse hin und her. Aber Meitner war abgeschnitten von der gemeinsamen Versuchsanlage und hatte in Stockholm nur unzureichende Bedingungen, experimentell tätig zu werden. Vom Direktor des Nobel-Instituts erhielt sie wenig Unterstützung.

Im März 1939 war erstmalig absehbar, unter welchen Bedingungen sich eine nukleare Kettenreaktion auslösen ließ und welche technischen Möglichkeiten sich damit eröffneten. Aber die politische Zerrissenheit der Wissenschaftlergemeinde unterband jede Verständigung über diese Ziele, und die Gräben vertieften sich während des Zweiten Weltkrieges noch.

Kurz nach Ende des Krieges erhielt Otto Hahn den Nobelpreis für Chemie: Er wurde ihm rückwirkend für das Jahr 1944 verliehen. Weder die Physikerin Meitner noch Hahns Assistent Fritz Straßmann wurden bedacht. Lise Meitner hatte ihre eigene Erklärung dafür, warum Hahn den Eindruck nicht korrigierte, er allein habe die Kernspaltung entdeckt. Dem in die Vereinigten Staaten emigrierten Nobelpreisträger James Franck berichtete sie von der Stockholmer Preisverleihung im Dezember 1946: „Nur die Vergangenheit vergessen und das Unrecht hervorheben, das Deutschland geschieht. Und da ich ja ein Teil der zu verdrängenden Vergangenheit bin, hat Hahn in keinem der Interviews, in dem er über seine Lebensarbeit sprach, unsere langjährige Zusammenarbeit oder auch nur meinen Namen erwähnt.“

Am 17. Dezember 1956 wurde das rekonstruierte Institutsgebäude in der Thielallee in Berlin-Dahlem unter dem Namen Otto-Hahn-Bau der Freien Universität feierlich wiedereröffnet. Mit dem Festakt am Jahrestag der Entdeckung der Kernspaltung sollte Berlin als historischer Standort der Kernforschung herausgestellt und dieser Bereich zügig ausgebaut werden. Ein zentrales Institut für Kernforschung wurde gefordert. Der Name Otto Hahn sollte Ausdruck für die Zukunft der Wissenschaft sein, die auf ihren großen Traditionen in Deutschland gründete.

Für Lise Meitner war diese Botschaft nicht akzeptabel. Denn damit wurde nicht nur ihr persönlicher Anteil als Physikerin an der Entdeckung der Kernspaltung geleugnet. Verneint wurden auch der Bruch, den die Vertreibung der Wissenschaftler aus Deutschland durch die Nationalsozialisten verursacht hatte, und die Leerstellen, die damit im politischen und wissenschaftlichen Gedächtnis festgeschrieben wurden. Die Einladung, während der groß angelegten Inszenierung zur Wiedereröffnung des Instituts den Festvortrag zu halten, lehnte Meitner ab. Auch als die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät der Freien Universität kurzfristig beschloss, Meitner die Ehrendoktorwürde zu verleihen, blieb sie dem Ereignis fern. Erst im darauffolgenden Sommersemester, am 11. Mai 1957, nahm sie die Urkunde zum Ehrendoktorat entgegen. Datiert war sie auf den Tag der Hahn-Feier.

Die Kritik daran, dass Meitners wissenschaftlicher Beitrag nicht angemessen gewürdigt wurde, beschränkte sich damals auf die Fachkreise. In der Öffentlichkeit dominierte das Bild von Meitner als „Hahns engster Mitarbeiterin“, wie Max von Laue sie in seiner Rede zur Institutsöffnung am 17. Dezember 1956 bezeichnete. Erst durch das Engagement der Frauenrechtlerin und Bundestagsabgeordneten Marie-Elisabeth Lüders im November 1958 wurden Lise Meitners Verdienste auch für ein breites Publikum wahrnehmbar. Sie schlug vor, das neue Berliner Kernforschungsinstitut nach Lise Meitner zu benennen. Unterstützung erhielt sie vom Deutschen Akademikerinnenbund und vom Berliner Frauenbund. Mit Erfolg: Am 14. März 1959 eröffnete das Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung in Berlin-Wannsee; 2009 ging es im Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie auf.

1968 starb Lise Meitner im englischen Cambridge. Mit der Umbenennung des Otto-Hahn-Baus der Freien Universität in Hahn-Meitner-Bau erfährt die Wissenschaftlerin nun auch an historischer Stelle verdiente Ehrung: Der über dem Eingang gut sichtbare Namenszug stellt sie endlich ebenbürtig an die Seite ihres Wissenschaftlerkollegen.

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