Zeitung Heute : Eier kaufen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Welt ist böse, der Mensch ist dumm, das weiß jedes Kind und vergisst es wieder. Dumm wie ein Huhn. Das Huhn bin ich.

Am Samstag, als ich, wie jeden Samstag, auf dem Winterfeldtmarkt einkaufen war, habe ich einen neuen Stand entdeckt. Verlockend ländlich sah der aus, meterlange „Klosterbrote“ hat der Standbesitzer dort verkauft, Vollkornbrot und Eier. Und was für welche! Riesig groß und jedes einzelne auf Heu gebettet. Der Mann pries seine Eier an, dass jeder Widerstand zwecklos war, ganz frisch, in der Nacht gelegt, nur auf eine Art richtig zu kochen: kalt aufsetzen und dann 100, 120 Sekunden sprudeln lassen. Sechs Eier und ein paar Scheiben Vollkornbrot, bitteschön, macht 7,20 Euro. 14,40 Mark??!! Das Brot, 60 Cent die Scheibe, habe ich dem grantigen Mann zurückgegeben, die Eier behalten.

Aber zum Glück gibt es ja Menschen, die klüger sind als wir. Und misstrauischer. So hat unsere Landwirtschaftsministerin, die sich als Verbraucherministerin begreift, eine neue Kennzeichnungspflicht durchgesetzt. Deshalb steht jetzt auf jedem Ei drauf, was drin ist. O heißt Bio, 1 kommt aus Freilandhaltung, 2 aus Bodenhaltung, 3 ist das Schlimmste: Käfighaltung. Und was soll ich sagen: Ich habe unglückliche Eier von unglücklichen, zusammengepferchten Hühnern gekauft, zum Luxuspreis von 60 Cent das Stück. So gut wie in der Schachtel hat es das auf Heu gebettete Ei nie zuvor gehabt. Gekocht habe ich es dann doch. Was soll ich sagen, das Ei schmeckte nach – nichts. Immerhin nicht nach Fischfutter.

Zum Trost hab ich mir dann gesagt, was für ein Glück, dass ich Eier nur kaufen und nicht ernten muss. Wie das ist, habe ich von Betty MacDonald gelernt. Die Amerikanerin hat ein Buch geschrieben, dessen Titel mich sofort gepackt hat: „Das Ei und ich“. Weil ihr Mann als Versicherungsvertreter immer von einer Hühnerfarm geträumt hat, wurde sie notgedrungen Hühnerfarmerin, musste die frischen Eier aus dem Nest stehlen und sich von den Hennen die Finger zerpicken und -hacken lassen, und am Frühstückstisch unterhielt sich ihr Mann am liebsten über Fadenwürmer und Hühnerläuse mit ihr. Ihr einziger Trost: das Kuchenbacken nach alten Rezepten mit sechs Eiern aufwärts. „Man nehme acht Eier, schlage eins nach dem anderen in die Schüssel und rühre mit dem nackten, rechten Arm.“

Aber der Winterfeldtmarkt wäre nicht der Winterfeldtmarkt, hätte er mir nicht den Glauben an das Gute in der Welt zurückgegeben. Dort gibt es nämlich auch einen richtigen Bauern, einen Bauern wie aus dem Bilderbuch, mit roten Backen und immer lustig. Gleich an der Ecke Winterfeldt- und Goltzstraße hat der seinen kleinen Stand, mit Walnüssen und alten Apfelsorten und Topinambur. Knöllchen für Knöllchen hat der Bauer mir die zartesten Exemplare aus seiner Kiste gepflückt, weil ich doch Salat daraus machen wollte, ganz nussig waren die, und der Feldsalat schmeckte nach Feldsalat, und die Erde, die an den Blättchen klebte, war echte Erde, nicht nachträglich drauf geklebt. Und preiswert ist die Ware auch. Frische Eier habe ich dann in meinem Bioladen gekauft, die schmecken richtig nach Eiern.

Winterfeldtmarkt, jeden Samstag bis 16 Uhr.

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