Zeitung Heute : Ein Abgang auf Raten

ROBERT VON RIMSCHA

Die Welt kann derzeit zusehen, wie die Ära Suharto ihrem gleichermaßen überfälligen wie unschönen Ende entgegenschlingertVON ROBERT VON RIMSCHAEin Regime ist unter dem Druck von Wirtschaftskrise und Volksaufstand implodiert - und wie so oft: mit weniger Gegenwehr als erwartet.Es besteht kein Anlaß, dem alten General Tränen nachzuweinen.Indonesiens Präsident hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn seine Unterlassungen längst schwerer wiegen als seine Leistungen.Indonesiens jüngste Geschichte ist eine der vertanen Chancen.Suharto hat in seinen ersten 20 Jahren mit harter Hand ein Land aufgebaut, das spätestens Ende der 80er Jahre reif genug war, um einer harten Hand nicht mehr zu bedürfen.Anfang der 90er mehrten sich die Anzeichen, daß mit dem zunehmenden Wohlstand auch demokratische Impulse Fuß gefaßt hatten.Suharto machte Suharto überflüssig.Aus einem bitterarmen Land war ein Tiger geworden, in dem niemand mehr verhungerte und 20 Millionen Menschen einer westlich geprägten Mittelklasse angehörten, die ihren Nachwuchs zur Ausbildung nach Amerika schickte.Doch der Patriarch verpaßte die Chance, die Zukunft vorzubereiten.Stattdessen mißbrauchte er den Staat als Versorgungsapparat für seinen Klan.Nachfolger hat er nicht aufgebaut, Konkurrenten nicht zugelassen, und so steht Indonesien jetzt, in der Krise, ohne klare personelle Alternative da.Helfen kann da nur ein geregelter Übergangsprozeß.Akzeptierte Autoritäten sind weiter die Armee und jene demokratisch gewählten Teile des Parlaments, die sich nun von den Suharto-Günstlingen zu emanzipieren beginnen.So lautet denn das "best case scenario": Das existierende, halblegitime Parlament wählt einen Interimsnachfolger; dessen vorrangige Aufgabe ist es, die Wahl einer wirklich freien Volksvertretung und eines Präsidenten vorzubereiten, das neue Parlament konstituiert sich dann zugleich als Verfassungsgebende Versammlung.Das "worst case scenario" ist eines, das auf den schlimmsten aller indonesischen Traditionen aufbaut.Suharto verzögert seinen Abschied von der Macht, bringt die Familien-Milliarden in Sicherheit, die chinesische Minderheit wird als Blitzableiter für wirtschaftliche Nöte benutzt, das Land versinkt im Chaos.Dafür, daß es geordnet zugehen könnte, gibt es hoffnungsvolle Indizien.Ein Bündnis zwischen Reformern in der Armeeführung, zwischen Studenten und Mittelstand zeichnet sich ab.Alle drei Gruppen haben gemeinsame Interessen: weg mit dem Status Quo, aber ein Übergang mit einem Höchstmaß an Stabilität, als Weg in die Zukunft eine durchgreifende Demokratisierung, aber unter Wahrung der staatlichen Integrität, die bisher von Suharto garantiert wurde.Es sieht aus, als würde sich Suharto selbst erneut als Bremsklotz versuchen wollen.Seine Ankündigung von Wahlen - ohne Nennung eines Datums - ist ein Spielen auf Zeit.Die Ereignisse drohen ihn erneut zu überholen.Viele seiner Untertanen haben seine Bereitschaft zum Rücktritt auf Raten als sofortigen Abschied verstanden.Eine unbestimmte Zeit, zwischen drei Monaten und zwei Jahren, bestenfalls im Schwebezustand und schlimmstenfalls im freien Fall - das ist dem Land kaum zuzumuten.Deshalb protestiert das Volk auch nach Suhartos Dienstags-Rede weiter.Verpaßte Chancen beschreiben nicht nur Suhartos Niedergang, sondern auch den Umgang der wichtigsten Partnerstaaten mit Indonesien.In den USA wird darauf hingewiesen, daß Deutschland gewichtigere ökonomische Interessen als Amerika hat, wenn es um einen glatten Machtwechsel geht.Niemand hat Risiko-Projekte der Suharto-Kinder - offiziell: öffentliche Aufträge mit Regierungsgarantien - bereitwilliger finanziert als Bonn.Die deutsche Führung hat es dabei verabsäumt, massiver auf eine Parallelität von wirtschaftlicher und politischer Entwicklung zu drängen.Suhartos Vize Habibie, der fast drei Jahrzehnte lang in Deutschland lebte, wäre für die Bundesrepublik als idealer Ansprechpartner denkbar gewesen.Die Gewalt, die jetzt Zehntausende aus dem Land treibt, hätte sich vermeiden lassen.Der Machtwechsel ist es nicht.Wäre er früher eingeleitet worden, wäre er friedlicher verlaufen.Die Schuld an diesem Versäumnis trifft zuallererst Suharto - und in zweiter Linie jene, die sich seine Freunde nennen.

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