Zeitung Heute : Ein Aufgebot anderer Architektur

LISA DIEDRICH

Aedes East zeigt Arbeiten des "db"-Fotowettbewerbs und des Büros Auer + WeberLISA DIEDRICHHunderttausendfach schon sind Neue Nationalgalerie, Schaubühne, Kammermusiksaal und "Schwangere Auster" fotografiert worden ­ die modernen Klassiker als Berliner Postkartenmotive.Mit blauem Himmel, versteht sich.Den waren die jungen Berliner Fotografen Fritz Brunier und David Hiepler leid.Wenn schon etwas typisch Berlinerisches, dann auch richtig berlinerisch.Brunier und Hiepler setzten mit den modernen Bauten auch das schlechte Wetter Berlins ins Bild.In Schwarzweiß, versteht sich.Und dynamisch verzerrt, als sehe man die Motive aus dem fahrenden Auto.Damit gewannen sie im Mai 1997 einen zweiten Preis im Europäischen Architekturfotografie-Wettbewerb "db architekturbild" zum Thema "Architektur schwarzweiß".Alle zwei Jahre lobt die "db" ("Deutsche Bauzeitung") den mit insgesamt
17 000 DM dotierten Fotopreis aus, dieses Jahr zum zweiten Mal.Sie kooperiert dabei europaweit mit renommierten Architektur- und Fotografie-Zeitschriften, deren Fachleute auch die siebenköpfige Jury zusammenstellen.Sie hatte unter den 2500 Fotografien von 624 Einsendern aus allen Teilen Europas zu entscheiden.Die meisten Einsendungen stammten aus dem Ausloberland Deutschland. Nach der Bundeskunsthalle in Bonn und dem Haus der Architekten in Stuttgart zeigt nun die Architekturgalerie Aedes East die prämierten Arbeiten: Auf tiefschwarzen, fast pulvrigen Aufnahmen hält der erste Preisträger Bruno Delamain die "Geburtsstunde der Kathedrale" fest ­ den wohl bedeutendsten Kirchenneubau unserer Zeit, errichtet 1995 in Evry bei Paris von Mario Botta.Auf grobes Aquarellpapier druckte der Zweitplazierte Etienne Clement seine Fotos monumentaler Bauwerke.Ebenfalls zu sehen sind die besten der 24 übrigen ausgezeichneten Arbeiten.Was hat der Wettbewerb mit einer Fachzeitschrift wie "db" zu tun, die ihre Seiten sonst mit den üblichen Architekturfotos schmückt: perfekte Perspektiven, perfekte Bauten, perfekter Himmel? Der Überdruß an dieser ewig gleichen Perfektion habe Lust auf Fotos anderer Art gemacht, sagte "db-"-Chefredakteur Wilfried Dechau zur Eröffnung. Über die Grenzen der Berliner Steinklötze und der monumentalen Dichten am Potsdamer Platz zu schauen, empfahl Ingeborg Flagge, Chefredakteurin der Zeitschrift "Der Architekt", in ihrer Eröffnungsrede.Neben den "anderen" Architekturfotos zeigt die Galerie Aedes nämlich drei Projekte der Stuttgarter Architekten Auer + Weber + Partner ­ in Flagges Worten "ein Aufgebot am anderen Bauen": das Theater in Hof, die Stadthalle in Germering, die Festspielhalle in Recklinghausen.Riesige Arbeitsmodelle, eines gar zum Hineinklettern, und Original-Werkpläne versetzen den Besucher in die Werkstatt dieser transparenten, für viele Nutzungen offenen Architektur.Alle drei Projekte sind oder werden gebaut ­ im Gegensatz zum deutschen Pavillon für die Weltausstellung in Sevilla, dessen Entwurf den Architekten 1991 ihre erste Ausstellung bei Aedes bescherte. Auer und Weber seien "erstaunlich normale Menschen geblieben", schloß Ingeborg Flagge, "ohne Allüren, ohne beleidigt zu sein, wenn man mal eins ihrer Bauwerke nicht gleich zum Weltwunder erklärt".

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