Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation: Liane kann man nicht überhören

Benjamin Lebert

Restaurant zur Nolle, Friedrichstraße, ein Spezi, eine Apfelsaftschorle. Liane: ein Mädchen, das von sich sagt: "Bei mir läuft alles nur ein bisschen richtig, als würde das Richtige auf dem Nebengleis laufen. Ich bin nicht weit weg, aber trotzdem auf dem falschen Gleis. Irgendwie." Sie sitzt da und raucht eine Zigarette, bläst den Rauch in einer riesigen Wolke nach oben. Ihr Oberkörper ist in ständiger Bewegung. Schaukelt. Wippt vor und zurück. Ihre Arme gestikulieren beim Reden. Sie hat große grüne Augen und leuchtend rote Haare. Als wir uns am Telefon verabredeten, hat sie gesagt: "Ich sehe genau so aus, wie man sich eine Rothaarige vorstellt."

Nein, man übersieht sie nicht. Sie hat eine schwarze Jacke an mit Lederbesatz, ein orangefarbenes Top und enge blaue Jeans. Aber noch weniger überhört man sie. Säße man in einem Lokal und hätte nichts mit Liane zu tun, so würde man sich doch umdrehen, um nach dieser Stimme zu suchen. Dunkel, kratzig. Nicht besonders laut, so, als würde sie einem über die Haut streichen.

Liane ist Schauspielerin. Staatlich geprüfte Schauspielerin, wie sie extra betont. Von 1997 bis 2000 hat sie Schauspiel studiert. Seitdem hat sie kein Engagement. Sie steht morgens auf, ruft Agenturen an, Theaterleute, Synchronstudios, surft im Internet, schreibt Bewerbungsbriefe, legt Fotos bei. Neulich bekam sie bei Radio Fritz eine kleine Sprechrolle. "Aber nur", sagt sie, "weil mein Freund das Stück geschrieben hat." Ein Theaterstück für Kinder. Anderen Mädchen fällt es vielleicht leichter, Kontakte zu knüpfen, sagt sie. Die gehen irgendwohin, dann lächeln sie bis zu den Ohren und dann haben sie eine Nummer. "Ich kann das nicht, ich habe Probleme damit." Agenturen nehmen heute praktisch keine Schauspieler mehr an.

War es das falsche Gleis, das sie zur Schauspielerei führte? Nein, sagt sie. Es ist genau der Beruf, der mich glücklich machen würde. Vor Publikum etwas vorzuführen, wäre genau das, was mich befriedigt. Sie hätte die Möglichkeit, auf etwas anderes zu setzen, auf Psychologie, was sie bis zum Diplom studiert hat. Aber dahin will sie erst einmal noch nicht zurück. Das ist keine Herzenssache.

Sie kommt aus Koblenz. War dort mit einem Jungen zusammen, der sagte, man muss unbedingt nach Berlin. Das war 1993. Seither wohnte sie in Charlottenburg, Schöneberg, und jetzt in Prenzlauer Berg. In einer WG.

Insgesamt wirkt sie wie jemand, der beim Auto-Scooter eine bestimmte Richtung einschlägt, gezielt irgendwo anrempelt und weggestoßen wird - ganz woanders hin. Ihre Beziehungen verlaufen auch so ähnlich. Sie ist mit einem Stefan zusammen, aber sie sagt: "Beziehungen haben bei mir noch nie zum Glück geführt." Wo sieht sie sich in drei Jahren? Die Sommersprossen auf ihrem Gesicht lachen zuerst. Dann der Mund. "Vielleicht bin ich dann Sprecherin beim Rundfunk. Hoffentlich". Hoffentlich.

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