Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation: Robert sucht seine Heimat

Der Autor hat den Bestseller "Crazy" geschrieben.<

Robert ist ungefähr 1 Meter 80 groß, hat ein klares Gesicht mit feinen Zügen und kurzes, braunes geföntes Haar. Wenn er lacht, zeigt er gerade, weiße Zähne, die wie Porzellan schimmern. Seine Augenfarbe ist eine Mischung aus Blau und Grau. Insgesamt wirkt er sehr erfrischt. Das passt auch zu seiner etwas geröteten Gesichtshaut. Als wäre er gerade einen windigen Strand entlang gelaufen. Ansonsten ist sein Äußeres sehr korrekt. Robert ist ganz in Schwarz gekleidet. Trägt Halbschuhe, eine Jeans und einen dünnen Pullover. Wir treffen uns in einem Lokal in Charlottenburg. Mit Daumen und Zeigefinger beider Hände hebt er vorsichtig, so dass er sich nicht die Finger verbrennt, die Tasse an und trinkt einen Schluck Kaffee. "Heimat ist ein Ort, an den man immer wieder zurückkommt", sagt er. Er stellt die Tasse wieder auf dem Tisch ab. "Aber vor allen Dingen einer, von dem aus man immer wieder startet. Irgendwohin."

Robert wurde in Prenzlau geboren. 1990 zog er zusammen mit den Eltern nach Berlin. In ein Haus in Reinickendorf. Der Vater ist Chirurg, die Mutter Physiotherapeutin. Sie gründeten hier eine gemeinsame Praxis. Robert machte den Realschulabschluss auf der Benjamin-Franklin-Schule. "Und danach, mit ungefähr 17, hatte ich zum ersten Mal dieses wahnsinnige Bedürfnis, etwas komplett anderes zu sehen. Etwas zu erleben. Aufzubrechen." Er bewarb sich in verschiedenen Ländern um einen Ausbildungsplatz als Konditor. "Ich weiß nicht, wie ich auf Konditor kam. Ich musste ja irgend was machen. Und das hörte sich gut an." Geklappt hat es beim Wiener Hotel Sacher. Trotz 200 Bewerbern. "Drei Jahre war ich dann da. Wohnte allein in einer Wohnung im 2. Bezirk. Die Miete zahlte ich selbst. Von meinem Einkommen. Den Rest bekam ich von meinen Eltern. Die Woche lief immer so ab: Vier Tage ins Hotel und zwei Tage Berufsschule." Fühlte er sich gut damit? "Es war großartig. Und es war unfassbar anstrengend. Heimweh hatte ich aber nie. An den Arbeitstagen im Hotel musste ich um 4 Uhr 30 aufstehen. Um 6 Uhr 30 musste man antreten. Bis 14 Uhr. Dann hatte man frei. Die Konditorei im Sacher befindet sich im Keller. Acht Lehrlinge arbeiten da. Und ein Lehrmeister. Ich war für die Glasuren zuständig. Musste am Tag 1500 Sachertorten glasieren. Zur Weihnachtszeit 20 000 pro Tag. Aber dann wurde auch mehr Personal zur Unterstützung eingestellt. Ich meine, ich habe nach einiger Zeit herausgefunden, dass Konditor doch nicht unbedingt mein Traum ist. Aber die drei Jahre waren trotzdem wichtig." Roberts nächste Station hieß Amerika. Er arbeitete in San Diego in einem Fünf-Sterne-Hotel. Zu seiner großen Freude steckten sie ihn am Anfang in die Konditorei. Aber dann war er auch in anderen Bereichen tätig. "Ich arbeitete mich tot. Und schließlich kündigte ich frühzeitig. Und machte den letzten Monat Bustouren durch Kalifornien." Zur Zeit ist Robert wieder in Berlin. Wegen des Zivildienstes. Danach? "Ich will unbedingt wieder irgendwohin. Vielleicht nach Australien."

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