Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation: Sven ist auf Probe

Der Autor hat den Bestseller "Crazy" geschrieben.

Restaurant Mommsen Eck, Wilmersdorfer Straße. Sven sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl, die Hände liegen aufeinander im Schoß. Er hat einen braunen Pullover an, mit hellblauen Streifen. Und eine Jeans. Sein kurzes, dunkles Haar ist nach vorne gegelt. Seine Haut ist bleich. Er trägt eine stark vergrößernde Brille, hinter deren goldgeränderten Gläsern seine Augen riesig erscheinen. Sven ist sehbehindert, von Geburt an. "Diese Art von Sehbehinderung ist schwer zu erklären", sagt er mit seiner leicht krächzenden Stimme. "Große Dinge erkenne ich nur in Umrissen, kleinere sind für mich Flecken." Nach seiner Schulzeit auf einer Sehbehinderten-Schule in Mitte war er drei Jahre arbeitslos. Diese Jahre haben sehr an seinem Selbstbewusstsein gezehrt. "Diese ewigen Ausreden, wenn ich mich irgendwo vorgestellt habe! Wir kommen auf Sie zurück, im Moment leider keine Möglichkeit. Ich habe herausgehört, dass sie so jemanden wie mich einfach nicht wollen." Seit einer Woche hat er durch den Integrationsfachdienst einen Posten als Telefonist bei einem Call-Center in Pankow. "Das sind verschiedene Versicherungen," erklärt er. "Ich bin für den Service der Privatkunden zuständig." Er ist auf Probe. Verdient noch nichts. "Ich bin trotzdem glücklich mit diesem Job. Endlich kann ich etwas machen." Sven wurde in Magdeburg geboren. Er hat noch eine zwei Jahre ältere Schwester. 1988 zog die Familie nach Berlin. Seit drei Jahren wohnt er allein. In einer 2-Zimmer-Wohnung in der Prinzregentenstraße. Preiswertes Wohnen, mit Hilfe durch den Blindenverein A.B.S.V. Er trinkt einen Schluck Kaffee. "Ich habe eigentlich keine Behinderung. Ich habe eine Krankheit! Und wenn ich mit Leuten unterwegs bin, will ich ganz normal behandelt werden. Wie ein Sehender. Wenn ich Probleme habe, sage ich es schon. Man muss viel über sich selbst lachen. Das hilft. Soll ich in der Ecke sitzen und mich bedauern lassen? Natürlich ist das scheiße. Wenn man zum Beispiel in Supermärkten aus Versehen die Regale ausleert und Angestellte angerast kommen, oder wenn man vor tausend Leuten gegen eine Glastür rennt. Aber dann muss man eben lächeln. Stark sein. Die Glastür hat mich halt nicht gesehen!"

Sven versucht, diese Aussagen zu verinnerlichen. Aber an dem Zittern in seiner Stimme merkt man, dass es ihm oft schwerfällt. Ich stelle mir vor, wie es ist, wenn ich mich nur schattenhaft im Spiegel sehen kann. Wenn ich nicht weiß, wie ich äußerlich auf andere Menschen wirke. Ich würde ihm gerne sagen: Frisiere Dich anders! Die Haare nicht so platt ins Gesicht! Steht dir nicht! Vielleicht wäre ihm das sogar wichtig. Er erzählt von seiner Freundin. Sandra. Sie ist ebenfalls sehbehindert. "Sie hat wunderbare Hände," sagt er. "Ganz weiche Hände." Zum Schluss frage ich ihn, wie die Leute auf seine Sehschwäche reagieren, und er antwortet: "Ich stand einmal an einer Straßenecke und habe auf jemanden gewartet. Plötzlich kam ein Mann und hat mich ohne etwas zu sagen über die Straße gebracht. Dabei wollte ich das gar nicht! Die meisten Menschen können mit so etwas nicht umgehen. Sie sind irgendwie bemüht. Und sie haben Angst."

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