Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

Vom ersten Augenblick unseres Treffens an wirkte sie, als ob sie sich dafür entschuldigen wolle, dass sie mir gegenübersitzt.

Silvie ist ungefähr 1,60 Meter groß, ziemlich rund, sie hat lange, dünne, glatt herunterhängende Haare, große Ohrmuscheln und eine auffallend blasse Gesichtshaut. Sie trägt einen grauen Wollpullover, Übergröße, in dem sich ihr Körper verliert, und eine schwarze Stoffhose. Ich sitze mit ihr abends um neun in einem Lokal am Augsburger Bahnhof. Sie hatte mich abgeholt vom Zug, und nach dem Gespräch bringt sie mich wieder zurück ans Gleis. Es ist tiefe Nacht geworden.

Silvie studiert in Augsburg. Ihr Studienplatz für Betriebswirtschaftslehre ist ihr von der ZVS an der Augsburger Uni zugewiesen worden. Eigentlich wollte sie in München, wo sie zu Hause ist, studieren. "BWL studieren so viele, dass man den Platz nehmen muss, den man kriegt." Sie lacht. Ihre Stimme klingt, als hätte sie Kreide gegessen. Ganz sanft und hoch.

Silvie ist das einzige Kind polnischer Eltern, die vor ihrer Geburt nach München gekommen sind. Silvie ist in München aufgewachsen. An ihre Kindheit erinnert sie sich nur dunkel. Und vermutlich war die Kindheit das auch.

Die Mutter arbeitet als Küchenhilfe, der Vater ist Rentner und war früher Automechaniker. Gewohnt hat die Familie im Hasenbergl, einem Münchner Arbeiterviertel. Wenn es nach den Eltern gegangen wäre, hätte sie ihre Ausbildung an der Gesamtschule mit der mittleren Reife beendet und anschließend Geld verdient. Aber sie hat es sich in den Kopf gesetzt, das Abitur zu machen. Schaffte es auch.

Sie isst ein Vanilleeis mit heißen Himbeeren. Die winzig kleinen Hände, mit denen sie den Löffel zum Mund führt, fallen auf. Babyhände, weich. Nicht fürs zupacken geeignet. Ihre Augen haben einen sehr warmen, lieben Ausdruck. Ich frage sie, ob die Menschen generell eher Freunde oder Feinde für sie sind. "Feinde", sagt sie. "Mein Problelm ist, dass ich irgendwie selbst kein Mensch bin..." Sie sagt nicht, ich bin nicht schön genug. Sie sagt nicht, ich bin nicht interessant genug.

Sie erzählt, dass sie viel in Fantasiewelten lebt. Daraus ihre Kraft schöpft. Japanische Comics, Mangas, Zeichentrickserien, Animes, sind Teil dieser Welt. Sie bestellt sie sich manchmal direkt aus Japan.

Silvie wohnt in Göggingen, einem kleinen Ort bei Augsburg, mit einer Studienkollegin zusammen. In der Dachgeschosswohnung eines Dreifamilienhauses. Nein, einen Freund hat sie nicht. Wünscht sie sich einen? "Ach, ich weiß nicht," sagt sie und bekommt rote Wangen. Sie hätte schon das Bedürfnis, beschützt zu werden. Jemanden zu haben, der ihr Sicherheit gibt, Halt. Aber wie soll es so jemanden für sie geben?

Ihre Eltern besuchen sie selten. Die letzte Zeit zu Hause, sagt sie, war sehr stressig. Jetzt fühlt sie sich wohler. Eigentlich fühlt sie sich sehr wohl. Das schüchterne Lächeln verliert sich in ihrem Gesicht.

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