Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

In der letzten Zeit hat Hannes Absagen kassiert. Nach Abitur und Zivildienst hatte er sich sein Leben ganz anders vorgestellt. Er hat sich vorgestellt, dass er verwirklichen kann, was seine Sehnsucht ist: Filme machen. Oder jedenfalls irgendetwas machen, was mit Filmen zu tun hat. Den Zivildienst absolvierte er in einer Klinik für Jugendpsychiatrie in Charlottenburg. In dieser Zeit hatte er damit angefangen, mit einer Handkamara, die einem seiner Freunde gehörte, kurze, verrückte Filme zu drehen. "Es war zuerst nur so Blödsinn, so herumspielen. Aber dann fand ich es auf einmal großartig. Und ich habe beschlossen, diesen Weg einzuschlagen." Er machte Praktika bei Filmsets, Fernsehsachen, er arbeitete als Aufnahmeleiter, als Fahrer, arbeitete im Kopierwerk, bei einer Verleihfirma und als Materialassistent. "Aber so was", sagt er, "kann man nicht ewig machen. Das führt ja zu nichts."

Wir sitzen im Schwarzen Café. Er nippt an seinem Maracujasaft. Er hat ein sehr schmales Gesicht, dunkle Augen, dichte, buschige Augenbrauen, die über der Nase fast zusammengewachsen sind. Er trägt eine randlose Brille mit runden Gläsern. Hat strubbeliges, kurzes, braunes Haar, große Ohren. Brauner Fleecepullover, blaue Jeans. Hannes hat einen Dokumentarfilm über ein Gebäude in der Schönhauser Allee gedreht. Es war einmal ein jüdisches Altersheim. Die Insassen wurden von den Nazis abtransportiert, das Haus hat seither oft die Besitzer und die Bewohner gewechselt. "Ein Spiegel der deutschen Geschichte irgendwie", sagt er. Er musste dafür sehr viel recherchieren, hat in Akten gewühlt, hat mit Leuten gesprochen. 50 Minuten lang wurde die Dokumentation schließlich. Damit bewarb er sich an der Filmhochschule in Berlin. Vor einem Monat hat er die Absage bekommen. Außerdem bekam er noch kurz darauf die Absage vom Renaissance-Theater, wo er sich um ein Praktikum bemüht hatte. "Ich bin kurz davor, in ein Loch zu rutschen. Absage Filmhochschule, Absage Theater. Wenn ich weiterkommen will, muss mir selber was einfallen. Ich muss mich selber motivieren. Jeden Tag. Ich weiß oft nicht, woher ich die Kraft nehmen soll."

Hannes ist als Student der Meteorologie an der Freien Universität eingeschrieben. Mehr oder weniger pro forma. Damit er den Status Student behält. Meteorologe wird er, glaubt er, nicht werden. Filmhochschule, Regie studieren, Filme drehen. Das ist sein Ding. Wenn er einen Job hatte, etwa als Materialassistent, dann sah sein Alltag so aus: 16 Stunden am Set arbeiten, danach todmüde ins Bett fallen. Aber momentan gibt es diesen Job nicht für ihn. Deshalb sieht sein Alltag jetzt so aus: Pass verlängern, Strommahnungen beantworten. Scheußlich.

Als wir uns treffen, läuft gerade das Spiel Deutschland - Kamerun. Bei den beiden Toren hüpft das ganze Cafégebäude in die Luft. Hannes ist nicht besonders erschüttert. Seine Lippen bleiben schmal. Wie ein schwarzer, waagerechter Strich. Hat er eine Freundin? "Nein", sagt er. "Eigentlich ist es so wie mit den Jobs. Man muss sich ständig bewerben. Und dann wird man nicht akzeptiert."

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