Zeitung Heute : Ein Barbar in Barbaras Bar

KNUD KOHR

Marcus Jeroch gastiert mit "WoWo" im Chamäleon Sagt der Mann auf der Bühne: "Das nächste Gedicht ist ein Gärungsgedicht - es ist modern." Da wartet das gutgekleidete Publikum fünf Sekunden, versteht den Witz und wiehert."Wunderbar!" jauchzen einige, und ein Herr ganz vorne - einer von der Sorte, die in Cafés laut reden - sagt "MOOdern", damit auch diejenigen Gäste die Pointe verstehen, die bis jetzt nur so getan haben als ob.So verläuft derzeit der Abend im Chamäleon über weite Strecken.Der Mann auf der Bühne ist Marcus Jeroch, ein 33jähriger Jongleur, Sänger und Rezitator.Sein Soloprogramm "WoWo" bildet den Auftakt zur derzeit laufenden Reihe "Hot Summer", einer thematisch nicht geordneten Anzahl von Fremdproduktionen, mit denen das Varieté in den Hackeschen Höfen die Sommerpause überbrückt. Jeroch ist ein erfahrener Varieté-Artist.Nach einer Lehrzeit in der Berliner Scheinbar tourte er mit dem deutsch-französischen Zirkus "Gosh!" und bekam 1990 beim "cirque de demain"-Festival in Paris die Bronzemedaille."WoWo" läuft überaus erfolgreich: Jeroch befindet sich mit dem Programm bereits seit einem Jahr auf schier endloser Tournee. Seine Stärken liegen eindeutig beim Jonglieren.Großgewachsen, spindeldürr, mit geweißtem Gesicht und mehlbestäubten Haaren schmeißt er unter grotesken Verrenkungen alles in die Luft, was sich nur dazu eignet.Dazu präsentiert er Accessoires wie einen elektrischen Gürtel, auf dem im Rhythmus der Jonglagen die Worte "BALLA BALLA" aufleuchten, eine am Helm um den Kopf kreisende Orange, kurz: wunderschöne Dinge, die außerhalb des Bühnenbereichs zügig zum Kontakt mit psychiatrisch geschultem Personal führen würden. Nicht ganz so gut, aber immer noch rechtschaffen klasse sind seine Couplets.Deren Held nämlich ist "der Bar-Barbar aus der Bar von Barbara", der seine Mutter zum "Hammerfest nach Hammerfest" lädt, mithin also ein Mensch, den man gerne kennenlernen möchte, um ihm eine um den Kopf kreisende Orange zum Präsent zu machen.Oder ihn wahlweise psychiatrisch geschultem Personal zu überantworten.Leider aber machen diese schönen Nummern nur ein Drittel des Programms aus.Denn in erster Linie möchte Jeroch Rezitator sein.Sein Metier sind neben Texten von Charms und Jandl die Wortartistereien des Hannoveraner Dichters Friedhelm Kändler, der sich mit einiger Penetranz als "WoWoist" bezeichnet und WoWo als "die Frage auf die Antwort von DaDa" definiert. Unter diesem Etikett veröffentlich Kändler Texte, deren Verdrehungen in Formulierungen wie "Jeder kann WoWo sein, wen er nur WoWoist" gipfeln beziehungsweise in der Forderung: "Genießen Sie! Knacken Sie die GeNuß!" In Peinlichkeiten also, die keinen Hund mehr hinter dem Ofen und erst recht keine Orange zum Um-den-Kopf-kreisen hervorlocken.Und auch den bewährten Provokationen von Charms und Jandl merkt man in der langsamen, jedes Wort betonenden Interpretation von Jeroch plötzlich an, daß seit ihrem Entstehen ganz schön viel Zeit vergangen ist.KNUD KOHR Chamäleon, Rosenthaler Straße 40/41, bis 10.August, dienstags bis sonntags, 20.30 Uhr.

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