Zeitung Heute : Ein Bekenntnis zur Liebe

Andrea Dernbach

Papst Benedikt XVI. veröffentlichte am Mittwoch seine Enzyklika über die Liebe. Welche Relevanz hat sie?


Die erste Enzyklika eines jeden Papstes wird seit Johannes XIII. „Ad Petri Cathedram“ 1959 als eine Art Regierungsprogramm oder grundlegende Bekenntnisschrift gewertet. Enzykliken gelten zwar nach dem Kirchenrecht nicht als unfehlbar, sie werden aber als „authentische Äußerung“ des kirchlichen Lehramts interpretiert und haben als solche verbindlichen Charakter.

Jetzt hat Benedikt XVI. seine erste Enzyklika „Deus caritas est“ zu einem Bekenntnis genutzt, das Kritiker wie Anhänger des früheren Kardinals Ratzinger überraschen dürfte. Diese Schrift war dem Papst offenbar so wichtig, dass er monatelang an dem Text feilte. Er, der als oberster Glaubenshüter in den 80er Jahren die Befreiungstheologen mundtot machte, stellt die soziale Aufgabe – von der Sorge für Bedürftige bis zur Mitwirkung an einer gerechteren Welt – in den Mittelpunkt. Das Soziale sei ein Wesensbestandteil der katholischen Kirche – gleichberechtigt mit der Feier der Sakramente und der Verkündigung des Evangeliums: „Der Liebesdienst ist für die Kirche nicht eine Art Wohlfahrtsaktivität, die man auch anderen überlassen könnte, sondern er gehört zu ihrem Wesen, ist unverzichtbarer Wesensausdruck ihrer selbst.“

Gleichzeitig legt der Papst die Politik auf das Ziel der Gerechtigkeit fest: „Die gerechte Ordnung der Gesellschaft und des Staates ist zentraler Auftrag der Politik.“ Die Kirche helfe dabei praktisch und gebe Denkanstöße – wobei die klare Trennung von Kirche und Staat gelte. Dabei geht Benedikt auch ausführlich auf die linke Kritik am „Liebesdienst“ der Kirche, durch Almosen drückten sich die Reichen vor der Herstellung von Gerechtigkeit. Der Papst bemerkt selbstkritisch, dass in der Tat „die Vertreter der Kirche erst allmählich wahrgenommen haben“, dass Gerechtigkeit durch den plötzlich bestimmenden Gegensatz von Kapital und Arbeit in der Industriegesellschaft zu einer völlig neuen Frage wurde. Da sich das marxistische Rezept der Weltrevolution aber als unfähig erwiesen habe, eine gerechte Welt zu schaffen, stelle sich die Aufgabe der Kirche neu, werde „die Soziallehre der Kirche zu einer grundlegenden Wegweisung“.

Während Benedikt im zweiten Teil seiner Enzyklika eine Brücke zur Welt, Nichtgläubigen und Nichtchristen schlägt, dürfte der erste theologische Teil für Andersdenkende, aber auch für moderne Christen eher schwer zu verdauen sein. Da wird wieder der „zum Sex degradierte Eros“ verteufelt, der den Menschen zur „Ware“ mache. Und in der alten Kirchentradition, nach der außerhalb der Kirche kein Heil ist, schreibt Benedikt die Fähigkeit zu selbstloser Zuwendung exklusiv den eigenen Schäflein zu („nur möglich aus der inneren Begegnung mit Gott heraus“). Um sich dann ein paar Seiten weiter zu korrigieren: Der „Imperativ der Nächstenliebe“ sei „in die Natur des Menschen selbst eingeschrieben“.

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