Zeitung Heute : Ein Besuch des Cafés Florian ist für viele ein Muss in der Lagunenstadt

Thorsten Hinz

Ins "Café Florian" unter den Arkaden am Markusplatz in Venedig geht man nicht einfach, weil man Durst auf einen Kaffee oder Tee hat. Dagegen steht neben den gepfefferten Preisen auch die Beflissenheit des Touristen, der sowieso äußerst befangen nach Venedig fährt. Bereits im Namen der Stadt ist ja laut Proust ein Verlangen gespeichert, das sich auf eine aus Träumen gebaute Wirklichkeit richtet. Es ist im Grunde zweitrangig, ob diese Träume sich aus dem "Venezia"-Kitsch der Schlagerindustrie, aus dem zweiten "Tristan"-Akt und Mahlers "Fünfter" oder aus Dichterworten speisen. Allen diesen Bildungserlebnissen ist gemeinsam, dass sie im Voraus festlegen, was wir hier sehen und erleben werden.

Manche der Erwartungen betreffen auch dieses wohl älteste italienische Caféhaus. Hinter seinen hohen, eleganten Fenstern haben Gäste wie Goldoni, Goethe, Balzac, Thomas Mann, Hemingway und Proust Platz genommen. Einige haben hinterher aufgeschrieben und der Welt mitgeteilt, was für ein Gefühl es war, hier zu sitzen. Götter aus sagenhaften Zeiten, haben sie Begehrlichkeiten geweckt, die heute, im Zeitalter massenhafter Prosperität und Mobilität, erfüllbar erscheinen. In den Sälen der großen Cafés, wo man gern die Stile des Rokoko, des Empire und des Biedermeiers wiederholt und die Ernst Jünger als "die eigentlichen Paläste der Demokratie" bezeichnete, hofft man das schmerzlose und seltsam aufgelöste Wohlbehagen zu atmen, das die Luft narkotisch erfüllt. Die schönste Huldigung an das Florian ist in Joseph Brodskys Reiseessay "Ufer der Verlorenen" nachzulesen, den sein Verfasser ausdrücklich auf den November 1989 datierte. Der Fall der Berliner Mauer blieb darin unerwähnt. Dem Exilanten und Flaneur war es inzwischen einfach wichtiger, über die exklusive Stellung Venedigs im Universum nachzudenken.

Im vorletzten Kapitel dreht sich ein Wachtraum Brodskys um das Florian. Bezeichnenderweise geht er auf die Erinnerungen eines anderen, des englischen Schriftstellers Stephen Spender, zurück, stellt also ein respektvoll ironisiertes Zitat dar: Ein kleiner Freundeskreis um Spender und den Lyriker Wystan Auden hatte sich in den fünfziger Jahren im Florian versammelt. Auden erzählte eine komische Geschichte und verlor dabei die Liebe seines Lebens, den 14 Jahre jüngeren Librettisten Chester Kallmann, an einen vorbeischlendernden Seemann. Er redete und lachte weiter, während ihm eine Träne über die Wange lief. So vollzog sich seine melancholische Unio mystica mit dieser Stadt, deren Element, so Brodsky, das Wasser ist.

Die Besucher gehen, wie gesagt, nicht einfach wegen ihrer profanen Bedürfnisse ins Florian. Den Ausschlag gibt ihre heftige Entschlossenheit, sich für eine Stunde in Miniatur-Prousts zu verwandeln. Bei einer Tasse Tee warten sie darauf, dass sein feudales Ambiente in ihnen einen Strom schöner Gedanken und Erinnerungen auslöst, wobei es sich selbstredend nur um Versatzstücke aus Film und Literatur handelt. Der letzte Sonntag in der Stadt, der Widerwille vor dem Rückflug nach Berlin, ein grauer Himmel und erste Regentropfen ergeben zusammen mit der inneren Stimme, die da mahnt, jetzt bloß nicht aus Sturheit eine Gelegenheit zu verpassen, ein starkes Argument, um die eigene wissende Ironie und die prüfenden Blicke der livrierten Kellner am Eingang zu überwinden und einzutreten in einen der kleinen Säle, wo man unter goldgerahmtem Spiegel und auf weinrotem Plüsch am Marmortischchen Platz nimmt und einen Florian-Spezialtee und einen Sherry für jeweils mehr als zehntausend Lire bestellt.

Alles weitere soll dann so sein wie in einem Gedicht von Alfred Andersch: "patisserie / das buffet von neunzehnhundertelf / häuser fußballkalt viscontigrau / in den sonntagnachmittagsscheiben / blinde spiegel ... anisgeruch / den bon neben der tasse lesend ... " In Wahrheit geht es zu wie auf einem zugigen Bahnhof, denn derer sind viele, die nach gründlichem Studium der Preisliste und ihrer Geldbörse beschließen: "Einmal muss und kann man sich das leisten!" Dann sitzen sie eine halbe oder eine Stunde lang bei einer Tasse Tee oder einem Espresso und mühen sich ab, nur ja nicht aus dem prächtigen Rahmen zu fallen.

Sieben Tische stehen in diesem Raum: Rechts sitzen zwei deutsche Studienrätinnen mit Bubikopf und Baedeker. Sie leeren rasch ihre Tassen, blicken sich kühl um und verschwinden wieder. Das Ehepaar links am Fenster unterhält sich in gedämpftem Schwäbisch. Beide sind um die Fünfzig, ihre Hände krampfen sich in die Polster, als fürchteten sie die Visite eines Geschmacksinspektors, der ihnen einen Verweis erteilt. Souverän gibt sich der junge Mann schräg rechts in der Ecke. Er trägt einen teuren Anzug, der sich aber viel zu straff um die Schultern spannt: eine Kreuzung aus Nachtklub-Türsteher und aufstrebendem Immobilienhändler. Er schleckt am Gesicht seiner Freundin herum wie an einer Rieseneiskugel.

Die überreife "Femme fatale" am mittleren Fenstertisch lächelt müde und bläst den Zigarettenrauch zur Decke. Drei lautlose Japaner in der Ecke neben ihr machen einem jungen Ehepaar aus Deutschland Platz, das sich was leisten kann und es auch zeigt: Die beiden bestellen ein sündhaft teures, mehrstöckiges Teebrett mit Konfitüren, Sandwiches und Gebäck. Die furchtsamen Schwaben schleichen aus dem Raum und werden von einem deutschen Grafikerehepaar abgelöst. Das ordert zwei Capuccinos und klappt seine Zeichenbögen auf. Jeder für sich skizziert die Arkadenreihen auf der anderen Seite des Markusplatzes.

Eine fünfköpfige japanische Familie will sich am Tisch der Studienrätinnen niederlassen. Der Mann rückt seiner Frau den Stuhl zurecht und kommt dabei dem Kellner ins Gehege, der eben im Begriff war, ihm aus dem Mantel zu helfen. Seine Tasche fällt scheppernd zu Boden. So klingen Videokameras, wenn sie zu Bruch gehen. Das ist das Signal für die "Femme fatale", aus dem Saal zu rauschen, nachdem sie einsam einen mehrfarbigen Drink und den Eindruck genossen hat, den sie, ganz ohne Zweifel, noch immer macht.

An den Kanalbrücken haben sich Hütchenspieler vom Balkan etabliert. Zwei dieser Spezies dringen jetzt sogar ins Florian vor. Keine Sorge, sie verursachen keinen Stilbruch, auch sie gehören längst hierher. Das Café ist ein Selbstdarstellungs- und Selbsterlebnispark. Am Ausgang wühlt man sich durch ein dichtes Menschenknäuel. Die Gesetze des Tourismus-Zeitalters wirken draußen sofort in ihrer ganzen Härte, so dass man nur noch den Wunsch hat: nichts wie weg hier!

Doch nach ein paar Schritten quer über den Markusplatz beginnen die Glocken vom Campanile, dem berühmten Glockenturm, die Luft mit dunkel-schwerem Klang zu erfüllen; kurz darauf mischen sich die hellen Töne von den Türmen der Basilika San Marco ein. Es sei, schreibt Brodsky, als vibriere "ein gigantisches Teeservice aus Porzellan auf einem riesigen silbernen Tablett im perlgrauen Himmel". Für einen Wimpernschlag bleiben die Menschen wie erstarrt stehen im untrüglichen Gefühl, etwas Wunderbares zu erleben. Erst eine unendlich lange, halbe Sekunde später geben sie ihrem Reflex nach und richten die Fotoapparate auf den Glockenstuhl des Campanile. Regen tropft auf ihre Gesichter und Kameras. Hinter ihren infantilen Bemühungen steckt ein ewiger Wunsch, den selbst Genies wie Proust oder Brodsky sich gerademal in ihren Sternstunden erfüllen konnten: den Augenblick festzuhalten. Denn er ist himmlisch.

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