Zeitung Heute : Ein Bild der Frau

Karikaturisten arbeiten mit Klischees – warum die Bundeskanzlerin nicht einparken kann

Axel Vornbäumen

In Anwesenheit von Franz Müntefering ist das Buch „Der Kanzler(in). Männer, Machtpoker, Misswahl“ mit Karikaturen über Angela Merkel vorgestellt worden. Wird über mächtige Frauen anders gelacht als über mächtige Männer?


Das ist, letztlich, die Frage nach der Schere im Kopf des Künstlers. Und es ist auch die Frage nach der Bremsfunktion jener Political Correctness, längs derer sich die ewige Debatte um geschlechtsspezifische Rollenbilder noch jederzeit aufs Neue beleben lässt. Die Antwort ist entsprechend desillusionierend. Sie lautet: Ja, natürlich ist das so, und natürlich ist davor auch der Karikaturist nicht gefeit, dessen täglich Brot ja gerade das Spiel mit dem Klischee ist.

Doch sie kämpfen tapfer dagegen an, der eine mehr, der andere weniger. Jürgen Tomicek, Zeichner für 50 Zeitungs- und Zeitschriftentitel, der in den nächsten Tagen sein Karikaturen-Buch mit dem holzhammermäßig hintersinnigen Titel „Der Kanzler(in)“ veröffentlichen wird, spricht von einer „gewissen Ehrfurcht“, die in seinen Zeichnungen dem anderen Geschlecht gegenüber mit einflössen. Die „Hemmschwelle“ sei deutlich höher angesiedelt. „Das Überzeichnende, das Überfrachtende“, sagt Tomicek, „wird anders gehandhabt“ – was ihn freilich nicht daran hindert, zur Karikierung von Angela Merkel auch gängige Klischees zu Hilfe zu nehmen, zum Beispiel, dass Frauen generell so ihre Schwierigkeiten beim Einparken haben.

Geschmackssache. Gleiches gilt für geschlechtsspezifische anatomische Eigenarten, könnte man meinen. Doch in dieser Hinsicht ist Tomicek bereits vorsichtiger geworden, ein bisschen, nun ja, weniger ausladend in seiner zeichnerischen Darstellungskraft, seit es zu Anfang der Regierungszeit von Angela Merkel einmal Ärger gegeben hatte, weil er der Kanzlerin einen zu dicken Busen gezeichnet hatte. Obenrum hat die Merkel in den Tomicek-Zeichnungen nun halt ein bisschen weniger.

Der Sexismus-Vorwurf – auch Tagesspiegel-Karikaturist Klaus Stuttmann kennt die Klaviatur, auf der seine Gegner spielen, wenn denen mal wieder sein Frauen-Bild missfällt, egal, ob die gezeichnete Person nun Macht hat oder nicht. Stuttmann versucht mit Klischees zu spielen, ja, sie gegen sich selber zu wenden. Er ist sich bewusst, wie dünn das Eis ist, auf dem er sich da bisweilen bewegen muss, will er seiner originären Aufgabe gerecht werden: der Provokation. Er will sich deshalb ganz offensiv einen gewissen Rigorismus in der Angelegenheit nicht nehmen lassen. „Bei Karikaturen“, sagt der Karikaturist, „läuft es immer auf eine gewisse Hässlichkeit der Personen hinaus, das will ich mir auch bei Angela Merkel bewahren.“

Vorsichtiger, gibt Stuttmann zu, ist er da schon in der Auswahl der Accessoires. Bei Männern ist das komplett wurscht, bei Frauen eben nicht. Da ist es bei den Zeichnungen so wie im richtigen Leben. Stuttmann hatte vor einiger Zeit eine „Kittelschürzendebatte“ durchzustehen, sich häufende Vorwürfe, dass er Deutschlands Regierungschefin permanent wie einen Küchentrampel einkleide. Der Zeichner hat das nachgeprüft und befunden: stimmt gar nicht! Womöglich spielt da das Phänomen der selektiven Wahrnehmung eine Rolle. Merkel im Kittel am Herd – das überlegt sich Stuttmann dennoch nun zweimal.

Statt „Der Kanzlerin“ kam am Montag immerhin ihr Vize Franz Müntefering zur Präsentation des Buchs; Merkel, mutmaßte Herausgeber Andreas Dunker, habe dafür entweder „keine Zeit oder keinen Humor“ gehabt.

„Münte“ brachte beides mit, eine wohlwollend kritische Distanz zum Genre inklusive sowie obendrein noch einen Schuss sauerländischer Dialektik. Gezeichnete Satire, so der Vizekanzler, sei „der von vornherein zum Scheitern verurteilte Versuch, eine an sich ernste Sache durch lächerlich machen ernster zu machen“. Im Übrigen sei er überzeugt, dass das Buch der Kanzlerin gefallen werde – „sie kommt ja relativ gut weg“.

Jürgen Tomicek übrigens war gottfroh über den Regierungswechsel vor gut einem Jahr, weniger aus politischen denn aus zeichnerischen Gründen. Am schlimmsten, sagt der Zeichner, sei es in den 16 Jahren der Ära Kohl gewesen, da hätten seine Karikaturen in der Endphase des Öfteren schon etwas „Stempelhaftes“ gehabt.

Franz Müntefering hätte mutmaßlich auch nichts gegen einen beizeiten kommenden Machtwechsel, muss sich zurzeit aber der Einsicht ins Machbare beugen. Für die Fotografen reckte Müntefering am Montag das Titelbild des Buches gemeinsam mit Tomicek in die Höhe und sagte dann: „Wir halten die Kanzlerin zusammen.“

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