Zeitung Heute : Ein Bild vom Mars

15 Jahre lang hat er auf Fotos vom Nachbarplaneten gewartet. Drei Mal schon hat er seine Kameras dorthin geschickt, drei Mal ist es schief gegangen. Die vierte ist nun angekommen. Doch Gerhard Neukum atmet nur kurz auf, und er sagt: „Das Weltraumgeschäft ist ein Geschäft voller Sorgen.“

Thomas de Padova

Gerhard Neukum steht im Türrahmen und schaut in den leeren Raum. Die Wände sind weiß, über dem Boden liegt eine Klarsichtfolie. Die Handwerker haben sie liegen gelassen. Er möchte gerne glauben, dass hier bald überall Bilder hängen werden: Luftaufnahmen der vulkanischen Tharsis-Region und der langen Schluchten von Valles Marineris. All das könnte die von ihm entworfene Kamera demnächst ganz nah heranholen. Sie hat ihre endgültige Umlaufbahn um den Mars schon fast erreicht. Aber an der Schwelle zu den neuen Ansichten herrscht Ungewissheit. Zwischen Umzugskisten kreisen seine Gedanken um den fernen Planeten. Und dieses neue Büro hier, in das er in Kürze einzieht, im Geologischen Institut der Freien Universität in Berlin-Lankwitz, wird noch lange nicht verraten, woran in ihm gearbeitet wird.

Die Tage bis zum Eintreffen der ersten Bilder vom Mars ziehen sich in die Länge. Neukum, 59, hat keinen Einfluss mehr auf das, was da draußen, zigmillionen Kilometer von der Erde weg, mit der Raumsonde und seiner Kamera passiert. Aber er weiß, was alles im letzten Moment noch schief gehen kann. Und so verfangen sich seine Zweifel und Gespinste im fernen Geschehen und bringen die Zeit zum Stolpern.

„Das Weltraumgeschäft ist ein Geschäft voller Sorgen“, sagt er und blickt zurück ins Jahr 1988. Damals war er als Kameramann an zwei sowjetischen Marsmissionen beteiligt. Wegen eines Programmierfehlers ging die Verbindung zu der Raumsonde „Phobos-1“ unterwegs plötzlich verloren. „Phobos-2“ erreichte den Mars, aber dann beendete womöglich ein Kurzschluss auch diese Mission abrupt.

Auch Gerhard Neukums nächster Versuch, Bilder des Planeten auf die Erde zu holen, war erfolglos. Sieben Jahre lang bauten er und sein Team am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen, später in Berlin, eine neue, bessere Kamera. Sie sollte farbige 3-D-Aufnahmen der Marsoberfläche machen.

Im November 1996 war es endlich so weit. Zusammen mit seiner Frau fuhr Gerhard Neukum nach Baikonur in Kasachstan, um den Start der russischen Raumsonde „Mars ’96“ mitzuerleben. Eine 60 Meter lange Rakete brachte die schuhkartongroße Digitalkamera unter lautem Getöse und viel Jubel in den Himmel. Doch die Freude währte nur wenige Stunden. Am Morgen nach der Feier erfuhr der Wissenschaftler, dass die Raumsonde nach kurzem Flug in den Pazifik gestürzt war.

Nun sind abermals sieben Jahre verstrichen. Er hat seine Kamera noch einmal aufpoliert und um ein kleines Teleskop erweitert. Und sie ist dem Mars schon ganz nah. Bald wird sich ihr Objektiv öffnen, während sie an Bord der europäischen Raumsonde „MarsExpress“ um den Planeten fliegt. „Aber das Damoklesschwert, dass wir das Raumschiff wegen Energieproblemen verlieren könnten, schwebt immer noch über uns“, sagt er. Beim Bau der Raumsonde habe man vergessen, ein Kabel einzubauen. „Wenn man die richtigen Tests gemacht hätte, hätte man das feststellen können." Jetzt stehen der Sonde nur 70 Prozent der Energie zur Verfügung. Die Messinstrumente müssen daher nacheinander betrieben werden, der Zeitplan ist strikt – auch für die Kameraaufnahmen.

„Kommen Sie“, sagt er und geht über den langen Flur zurück zu seinem alten Arbeitszimmer, wo er endgültig wieder im Diesseits der Wissenschaft angekommen ist. An der linken Wand hängt eine drei Meter lange Übersichtskarte des Mars, durch die Decke hat es vor ein paar Tagen reingeregnet. Einer seiner Mitarbeiter druckt ihm den neuesten Zeitplan aus und legt ihn auf den Tisch.

Für den 13. Januar um 23 Uhr sind die ersten Bilder der Marskamera eingeplant. Der Planetologe stellt sich vor die große Karte und zeigt auf eine unkonturierte graue Fläche im Hochland des Mars. Es ist eine Gegend nahe am Äquator, in der einmal Wasser geflossen sein könnte, wie Gerhard Neukum vermutet. Von dieser Region wird die Digitalkamera ihre ersten Reliefbilder machen und die Rohdaten am 14. Januar per Funk zur Erde übertragen. Wissenschaftler der Europäischen Weltraumorganisation Esa müssen die Daten mühsam auseinander dividieren, damit ihre Kollegen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt die Aufnahmen bearbeiten können. Schließlich laufen die ersten Fotos am 16. Januar hier in Berlin-Lankwitz ein.

Gerhard Neukum wird der Hüter der Aufnahmen sein. Die Kamera ist seines Geistes Kind. Ohne seine Ideen, ohne seine Ausdauer und Initiative wäre die ganze Marsmission womöglich nie zustande gekommen. Er hat dafür gekämpft, Bündnisse geknüpft und sich mit manch einem zerstritten. Nun wird er vorerst darüber entscheiden, wer in Europa oder in den USA welche Bilder zur wissenschaftlichen Auswertung bekommt.

Den ganzen Mars möchte er neu kartieren, wenn ihm die Zeit dazu bleibt. Es geht ihm darum, neue Indizien dafür zu finden, wo und wann Flüsse und Seen den Mars in der Vergangenheit bedeckt haben. „Es muss einmal viel Wasser auf dem Mars gegeben haben“, sagt er.

Gerhard Neukum möchte so weit wie möglich in die Geschichte des Mars zurückschauen. Und er kann es sich durchaus vorstellen, dass vor drei oder vier Milliarden Jahren auch einmal Bakterien und kleine Lebewesen auf dem Mars gelebt haben.

In seinem großen Garten im Rheinland hat der Hobbybotaniker mehrere Terrassen angelegt, wo er Kamelien, Rhododendren und Ziersträucher anpflanzt. „Ich freue mich am Wachstum der Pflanzen und experimentiere auch ein bisschen damit“, sagt er. Dass diese Prozesse einzig und allein auf der Erde stattfinden sollten, hält er für unwahrscheinlich. „Auch der Marsboden hat Tonminerale und eigentlich alles, was eine Pflanze benötigt.“ Nur eine wärmende Atmosphäre und Wolken, aus denen ab und an ein bisschen Regen fällt, fehlen dem Planeten. Früher aber könnte der Mars belebt gewesen sein.

Auch heute hat der Mars aber noch einiges zu bieten. Besonders gespannt ist Gerhard Neukum auf die ersten Fotos des Olympus Mons, des größten Vulkans im ganzen Sonnensystem: 25000 Meter hoch und so gigantisch, dass er ganz Deutschland bedecken würde. „Der gibt was her! Und er war einmal noch größer!“

Neukum deutet auf eine scharfe Abbruchkante, die auf der Wandkarte nur schwer erkennbar ist, und erläutert, dass die Hänge des Vulkans an dieser Stelle sieben Kilometer steil in die Tiefe fallen. Da möchte er mit seiner Kamera gerne näher hinschauen. Anhand der dreidimensionalen Darstellung möchte er klären, was dem majestätischen Vulkan die Flanke weggerissen hat.

Aber werden die Bilder so gut sein, wie er es sich erhofft? Das ganze Raumschiff vibriert leicht. Und der Fokus des kleinen Teleskops, das er in die Bildmitte der Kamera hat einbauen lassen, ist nicht stabil. Vielleicht werde sich die mögliche kleine Unschärfe der Aufnahmen durch eine Heizung des Kamerasystems oder eine nachträgliche Bildbearbeitung beseitigen lassen. Erst einmal müsse die Raumsonde jedoch ihre anvisierte Bahn erreichen, sagt der Forscher, während er seinen Gast zum Ausgang begleitet und sich ins Weihnachtsfest verabschiedet. „Drücken Sie uns die Daumen!“

Draußen regnet es. Das Institutsgebäude steht im Baugerüst, an den Eingangstüren hängen Plakate der Studenten, die in den vergangenen Wochen wegen der schlechten Studienbedingungen an Berlins Universitäten gestreikt haben. Es sieht nicht sehr weihnachtlich aus.

Gerhard Neukum fährt zum Fest mit seiner Familie nach Darmstadt. Dort, im „Allerheiligsten“ der Europäischen Weltraumorganisation, dem Kontrollzentrum, verfolgen er, seine Frau und die beiden erwachsenen Kinder in der Nacht zum ersten Weihnachtstag den erfolgreichen Einschuss der Raumsonde in eine Umlaufbahn um den Mars.

„Es war ein Weihnachtsfest der besonderen Art“, sagt er am Tag darauf am Telefon. „Wir waren alle 30 Stunden am Stück wach. Aber ich bin sehr zufrieden.“ Auch wenn ein Teil der Marsmission, die Landung eines Roboters, möglicherweise nicht geglückt ist – Neukums Kamera bewegt sich nun in einer lang gestreckten Flugbahn um den Planeten.

Diese Bahn gilt es in den kommenden beiden Wochen Stück für Stück zu verringern und zu korrigieren. Erst in der zweiten Januarwoche wird die Raumsonde in der gewünschten Flughöhe und Regelmäßigkeit um den fernen Planeten kreisen, bis zu 250 Kilometer nah wird sie ihm kommen. „Wir werden das Triebwerk noch oft anschalten müssen“, sagt er und beginnt zu erzählen, wie riskant jedes dieser Manöver ist. Die Ungewissheit bleibt.

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