Zeitung Heute : Ein Bild von einer Frau

Dürer, Cranach, Brueghel – Stéphane Breitwieser hat einen erlesenen Geschmack. Leider kann er sich den nicht leisten. Deshalb stiehlt er 239 Werke. Jetzt steht der wohl größte Dieb der Kunstgeschichte vor Gericht. Aber mehr als jede Strafe trifft ihn, was mit seiner Sammlung geschah.

Jan Dirk Herbermann[Bulle]

Der Meisterdieb hat nicht geschlafen. Stéphane Breitwieser ist in der Zelle auf und ab gegangen, die ganze Montagnacht, bis in den Morgen. Er hat gegrübelt, geflucht, geheult, sagt sein Anwalt. Und kurz vor neun Uhr kamen die Gendarmen. Unrasiert, im grauen Mantel und grauen Hemd führen sie Breitwieser ins Gericht der schweizerischen Stadt Bulle bei Fribourg. Mehr als zwei Stunden sitzt er da im Saal und schweigt. Dann wird er wieder unruhig, sein Gesicht leuchtet. „Ich war fasziniert von ihrer Schönheit, von der Qualität der porträtierten Frau, von ihren Augen“, sagt er.

Es war ein Ölgemälde aus dem 18. Jahrhundert, von Christian Wilhelm Dietrich – das erste von mindestens 69 wertvollen Kunstwerken, die Breitwieser in der Schweiz zusammenstahl.

Am Donnerstag verkündet der Präsident des Tribunals nach drei Verhandlungstagen das Urteil. Und der Angeklagte muss sich auf noch mehr Prozesse gefasst machen. Denn insgesamt schlug er 239 Mal zu. Rastlos zog er zwischen 1995 und 2001 durch europäische Museen, Galerien, Messen und Kirchen. Er klaute Bilder von Brueghel, Dürer und Watteau, auch Vasen, Hellebarden, Tabakdosen und Pokale waren vor ihm nicht sicher.

In Deutschland soll Breitwieser einen seiner größten Coups gelandet haben: „Sibylle, Prinzessin von Cleve“, geschaffen im 16. Jahrhundert von Lucas Cranach dem Jüngeren, ließ er während einer Auktion im Neuen Schloss Baden-Baden mitgehen. Er tat das am 1.Oktober 1995 – seinem 24. Geburtstag.

Der Gesamtschaden der Breitwieser’schen Beutezüge liegt irgendwo zwischen 20 und 100 Millionen Euro. Oder ist es doch noch viel mehr, fast eine Milliarde? „Das ist schwer zu beziffern, weil es noch keine offizielle Liste gibt“, sagt Ulli Seegers vom Londoner Kunstsuchdienst Art Loss Register. „In all meinen Jahren ist mir so ein Fall wie der von Breitwieser nicht untergekommen.“

Stéphane Breitwieser hatte leichtes Spiel. Unglaublich leichtes Spiel, wie er dem Gericht erzählt. Am 1. März 1995 suchte er das Schloss im schweizerischen Gruyères heim – eines der schlecht bewachten Museen, die Breitwieser fortan bevorzugte. Beim ersten Diebstahl sollte seine Freundin Schmiere stehen. „Sie brauchte es aber dann doch nicht, weil niemand im Museum war“, gibt Breitwieser zu Protokoll. Er schaut ernst dabei. Dietrichs Porträt der Frau mit den schönen Augen verschwand in seiner Jacke. Einen Monat drauf steckte er unbehelligt ein Ölbild Marco Basaitis in seinen Mantel. Kassierer und Wächter des Kunstvereins in Solothurn konzentrierten sich gerade auf ihre Butterbrote.

Eine Visite in einer Zürcher Galerie bereitet Breitwieser gezielt vor. Er will ein Original Cornelis Massys’ aus dem 16. Jahrhundert – Wert 120000 Franken – durch eine gleich große Farbkopie ersetzen. Er braucht seinen tolldreisten Plan nicht umzusetzen. „Weil niemand im Saal anwesend war, kann er das Tableau in der Jacke verschwinden lassen“, heißt es im Polizeibericht.

Im Basler pharmazie-historischen Museum fällt Breitwiesers Kennerblick auf ein Ölgemälde Willem van Mieris’. Er nimmt das Bild von der Wand, versteckt es in seinem Rucksack und verschwindet. Zu Hause, im elsässischen Eschentzwiler, „restauriert“ er das von ihm beschädigte Stück mit dem Klebstoff Superglu 3 und verfällt schließlich in Panik, als er in der Zeitung vom angeblichen Wert des Bildes liest: 100000 Franken. Es ist das erste Mal, dass er eine Ahnung vom Wert seiner Beute bekommt. Aus Angst erwischt zu werden, will er das Bild vernichten. Seine Freundin verhindert es.

Die Freundin, Anne-Catherine, hat ihn längst verlassen. Kommt im Gericht die Rede auf sie, zuckt Stéphane zusammen. Sie existiert jetzt nur noch in seinen Gedanken – genau wie seine erlesene Sammlung, von der kein einziges Stück je einem Hehler feilgeboten wurde. Breitwieser richtet sich stattdessen im Häuschen seiner Mutter Mireille einen privaten Kunsttempel ein. Alte Meister lässt er für insgesamt 10000 Euro neu rahmen, putzt die Pokale, Tabakdosen und Münzen heraus, penibel führt er Buch über die Objekte. Sogar ein Videofilm wird gedreht. Zwischendurch geht Breitwieser immer wieder mit dem blauen BMW seiner Mutter auf Tour.

Breitwieser will für seine Wunderkammer nur das Beste. Er bereut den Diebstahl eines Bildes aus dem 17. Jahrhundert aus einer Kapelle in Luzern: „Das Gemälde war nicht von großer Qualität“, sagt er.

Am 18. November 2001 ist das Luzerner Richard-Wagner-Museum an der Reihe. Breitwieser stiehlt ein antikes Musikinstrument, ein Harsthorn im Wert von 100000 Franken. Aus Angst, ertappt zu werden, lässt er es im Park des Museums liegen. Zwei Tage später kehrt er zurück – und wird verhaftet. In der Zelle offenbart sich Breitwieser den Beamten.

Als Mutter Mireille von der Festnahme erfährt, stürmt sie in das Kuriositätenkabinett, das ihr Sohn in seinen zwei Zimmern hergerichtet hat, reißt die Bilder von der Wand. Dann schreddert sie 60 bis 70 der Gemälde, vermutlich auch einen Dürer und Cranachs „Sibylle“. Die Reste schmeißt sie auf den Müll, zusammen mit Notizbüchern, Pyjamas und Fotos ihres Sohnes. Mireille lässt ebenfalls die Vasen, Statuen, Säbel und Pistolen verschwinden. Mehr als 100 Objekte packt sie in ihr Auto, fährt zum Rhein-Rhône-Kanal und schmeißt die Beute ihres Sohnes ins Wasser.

Ein paar Tage später entdeckt ein Spaziergänger den Schatz: Skulpturen, Gold und Silber ragen aus dem trüben Wasser des Kanals. Viele der Stücke werden gerettet. Mireille wird verhaftet. Zur Polizei sagt sie, „aus Sorge um meinen Sohn“ so gehandelt zu haben. Zunächst habe sie geglaubt, Stéphane habe die Kunstwerke auf dem Flohmarkt gekauft. Den wahren Wert will sie nicht gekannt haben. Später kommen jedoch auch eigensüchtige Motive zu Tage. Mireille war als Schwester in einer psychiatrischen Klinik im nahen Basel beschäftigt. Die Verhaftung ihres Sohnes hätte ihre Arbeitserlaubnis gefährdet – so befürchtet sie.

Als Stéphane in seiner Zelle von der Tat seiner Mutter erfährt, wird er depressiv. Ein Selbstmordversuch schlägt fehl. Der Sohn verweigert seither den Kontakt zu seiner Mutter. Er hasst sie. „Stéphane schmerzt der Verlust dieser Sammlung ungemein“, sagt Breitwiesers Anwalt am Ende des ersten Prozesstages, während die Wächter seinen aschfahlen Mandanten aus dem Raum führen. „Für ihn war es seine Kollektion.“

Warum wurde der unscheinbare, stille junge Mann zu einem der größten Diebe der Kunstgeschichte? Nachdem seine Eltern sich getrennt hatten, nahm sein Vater die Waffensammlung mit. Der zurückgelassene Sohn war verzweifelt. Die Gerichtspsychiater schließen heute, dass Stéphane die ideale Welt seiner Kindheit rekonstruieren wollte, er machte sich daran, seine eigene Sammlung aufzubauen.

Sein Gehalt als Kellner in einer Basler Weinstube ist zu karg, um seine Extravaganz zu finanzieren: Breitwieser kommt auf die schiefe Bahn. Hinzu kommt eine „dysfunktionale Persönlichkeit“ und eine „hyperinflationäre Betonung des Ichs“, wie die Psychiater feststellen. Breitwieser, der ehemalige Kunststudent, versteigt sich in den Wahn, nur er verstehe die Werke, kein anderer dürfe sie mit seinen Blicken entweihen.

Wenn Stéphane Breitwieser seine Strafe in der Schweiz verbüßt haben wird, kommt es zu einem schmerzlichen Wiedersehen. Vielleicht in fünf Jahren muss er sich dann in seiner französischen Heimat einem Gericht stellen. Mutter Mireille wird im Prozess gegen den Sohn und Kunstdieb aussagen.

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