Zeitung Heute : Ein bisschen Anfang

Drei Berliner Designer wurden im Sommer vom Senat ausgezeichnet. Wie ging es weiter?

Franziska Klün
Spitzenarbeit. Die gehäkelten Einsätze aus Leder sind Hand gearbeitet.
Spitzenarbeit. Die gehäkelten Einsätze aus Leder sind Hand gearbeitet.Foto: Cathleen Wolf

„Eine Stunde“, sagt Cimen Bachri und lacht. „Eine Stunde war das Geld auf unserem Konto.“ Sie sitzt in der Küche ihres Kreuzberger Ateliers. Wie ihre Geschäftspartnerin Derya Issever stammt sie aus einer türkischstämmigen Familie. Zusammen gründeten sie 2010 Issever Bahri.

Ihre Mode ist perfekt und avantgardistisch geschnitten und mit filigranen Häkelarbeiten aus Leder düster-poetisch aufgeladen. Dafür hat sie die zehnköpfige, aus Journalisten, Designern und Investoren bestehende Jury mit dem zweiten Platz beim wichtigsten Modewettbewerb der Hauptstadt „Start your Fashion Business“ ausgezeichnet. 15 000 Euro bekamen sie. Eine Stunde, dann war das Geld ausgegeben – „und das stimmt auf den Cent und auf die Minute“, betont Bachri – für offene Rechnungen von Stoffhändlern, Schneidern, fleißigen Helfern.

In „Start your Fashion Business“, kurz: SYFB, investiert der Berliner Senat jährlich 100 000 Euro, es werden Preisgelder, aber auch Sachleistungen wie Beratungsprogramme oder Messeteilnahmen vergeben. Auf diesem Weg will der Senat junge Talente an den Berliner Standort binden, „die Infrastruktur noch verdichten“, wie es offiziell heißt. Wer sich bewirbt, muss einen Businessplan einreichen und möglichst schon eigene Kollektionen entwerfen. Die Jury hat in diesem Jahr mit Issever Bahri, Augustin Teboul und Hien Le drei Labels ausgewählt, die schon zu den neuen Berliner Design-Hoffnungen gehören.

Vier Monate ist es jetzt her, dass Issever Bahri während der Berliner Fashion Week im Römischen Hof ihre Entwürfe präsentierten. Der Gewinn hat ihnen eine Verschnaufpause verschafft. „Das ist gut“, sagt Derya Issever. Sie konnten ihre Schulden tilgen und bei Null starten. „Das soll keinesfalls wie eine Beschwerde klingen – wir sind dankbar für den Preis. Aber wer Designer mehr als punktuell unterstützen will, muss mehr Geld in die Hand nehmen.“

Bedenkt man die Kosten, die bei der Produktion einer Kollektion anfallen – von der Präsentation während der Fashion Week, der Ateliermiete und den eigenen Lebenshaltungskosten ganz abgesehen – sind 15 000 Euro nicht viel. Zum Vergleich: Der Gewinner des „BFC/Vogue Designer Fashion Fund“, den das British Fashion Council jährlich zusammen mit der britischen Vogue verleiht, erhält 200 000 Pfund.

„Eine enorme Erleichterung wäre, wenn die Finalisten des Senatspreises früher feststehen würden“, sagt Bachri. Sie erfuhren Anfang Juni, sprich einen Monat vor Kollektionspräsentation, dass sie zu den letzten drei gehörten und somit mindestens 10 000 Euro gewonnen hatten. Bei einem weiteren britischen Wettbewerb, dem „Fashion Fringe“, werden die Finalisten schon drei Monate vorher informiert; ihnen werden Personal, Geld und Berater zur Seite gestellt, so dass sie sich auf die Arbeit an ihrer Kollektion konzentrieren können. „Wenn man früher diese Sicherheit hat, geht man ganz anders an die Planung heran“, sagt Cimen Bachri.

In einem frisch ausgebauten Dachgeschoss in Neukölln leben und arbeiten Annelie Augustin und die Französin Odély Teboul. Die beiden lernten sich während ihres Studiums in Paris kennen. Für ihre Kollektionen, bei denen sie traditionelles Handwerk mit moderner, dramatischer Eleganz verbinden, erhielten sie den ersten, mit 25 000 Euro dotierten Euro Preis.

„Es geht uns gut“, sagen sie mit einem breiten Grinsen. Gerade war Pariser Fashion Week. Sie haben einige Teile ihrer Kollektion für Frühjahr/Sommer 2012 verkaufen können, nach Paris, New York, Hongkong, China. Wie die Einkäufer auf sie aufmerksam wurden, können sie nicht genau sagen. „Wichtig ist sicher Christiane Arp, die Chefredakteurin der deutschen Vogue und Mitglied der SYFB-Jury. Sie hat uns während der vergangenen Berliner Modewoche mit ihrem Vogue-Salon unterstützt.“ Christiane Arp mietete für Augustin Teboul und drei weitere junge Designer einen Raum im Hotel de Rome und lud Einkäufer und Journalisten dorthin ein. Zurzeit zeigen sie ihre Kleider in Zürich.

Bei ihnen geht der Plan auf, das Preisgeld investieren sie in die kommende Kollektion. Schulden mussten sie nicht begleichen, sie hatten noch Rücklagen und werden finanziell von der Familie unterstützt. „Es ist normal, dass wir von Augustin Teboul noch nicht leben können. Unser Plan ist: Jetzt 200 Prozent geben, in zwei Jahren wird sich das auszahlen“, sagt Odély Teboul. Die größte Herausforderung besteht derzeit darin, ein Unternehmen aufzubauen und gleichzeitig kreativ zu sein.

Auch Hien Le, geboren in Laos, wird von seiner Familie unterstützt. Zeit nebenher zu arbeiten, bleibt ihm keine, bislang führt er ein Ein-Mann-Unternehmen. Für seine geradlinigen Schnitte und die durchkomponierte Farbgebung erhielt er 10 000 Euro. Auch er bezahlte damit offene Rechnungen – „eine Riesenstütze“, sagt er.

Wenn er von sinnvoller Förderung spricht, benutzt er immer wieder das Wort Nachhaltigkeit: „Für eine nachhaltige Unterstützung braucht man mehr Geld.“ Im vergangenen Sommer hatte er einen vom Senat finanzierten Showslot erhalten, das bedeutet, er konnte im Fashion-Week-Zelt seine Kollektion zeigen und musste keine Miete für den Laufsteg zahlen. „Das war hilfreich, weil ich sehr viel Feedback erhalten habe“, sagt Le.

Doch mit einem solchen Slot ist es nicht getan. Man muss weiter präsent sein, wenn man langfristig das Vertrauen derjenigen gewinnen will, die man auf sich aufmerksam gemacht hat. Die meisten Einkäufer, von denen die jungen Modemacher abhängig sind, warten erstmal ab, ob der Nachwuchs ein paar Kollektionen lang durchhält, bevor sie investieren. Doch die Preise für eine Modenschau beginnen bei mehreren tausend Euro, und da sind noch keine Models, keine Visagisten, keine Fotografen inbegriffen.

Hien Le hofft, im Januar wieder einen Slot zu erhalten. Erfahrungsgemäß stehen die Gewinner sehr kurzfristig fest. Bis dahin heißt es hoffen und abwarten.

Infos zu den Designern unter:

www.hien-le.com, www.isseverbahri.com, www.augustin-teboul.com

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