Zeitung Heute : Ein bisschen Demokratie wagen

In dieser Woche wählt Ägypten endlich seinen neuen Präsidenten. Nach 60 Jahren Diktatur wird der Wahlkampf hauptsächlich zu einem Festival der Redefreiheit.

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Ägyptens Zukunft. Junge Frauen bei einer Wahlkundgebung von Abdel Moneim Abolfotoh, einem ehemaligen Mitglied der Muslimbruderschaft. Foto: Katharina Eglau
Ägyptens Zukunft. Junge Frauen bei einer Wahlkundgebung von Abdel Moneim Abolfotoh, einem ehemaligen Mitglied der...Foto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Aus den Lautsprechern dröhnen süffige Töne zu wummernden Bässen. „Abolfotoh wird unser Land beschützen, unsere Rechte achten und Ägypten hinführen zu einem neuen Leben“, schmachtet die Stimme des jungen Sängers. Dann und wann wabern Schwaden von Mopedabgasen über die Köpfe der Zuhörer hinweg. Manche haben ihre Kinder dabei, andere studieren das Hochglanz-Flugblatt mit Lebenslauf und Programm des Kandidaten, unters Volk gebracht von seinen Helfern in orangen Westen. Ganz vorne nehmen nun die Majestäten des Ortes Platz – Imam, Bürgermeister, Schuldirektor und Chef der lokalen Bank. Zwei Spuren der Hauptstraße sind an diesem Abend mit bunten Sichtblenden von dem Durchgangsverkehr abgetrennt. Vor der Front aus gesichtslosen, unverputzten Wohnkästen mit roten Ziegeln stehen ein paar verstaubte Zypressen und Palmen, die den Abgasen trotzen. Die Hälfte der rund 75 000 Einwohner hier lebt von der Landwirtschaft, bestellt mit Wasserbüffeln und Handpflug die umliegenden Felder. Die andere Hälfte pendelt Tag für Tag anderthalb Stunden in vollgestopften Minibussen zur Arbeit in die ägyptische Millionen-Metropole. Und so wie in diesem Nil-Städtchen Awsin nördlich von Kairo sieht es überall aus im Delta, wo die Mehrheit der 85 Millionen Ägypter wohnt.

Am kommenden Mittwoch und Donnerstag erlebt Ägypten seine zweite große demokratische Premiere in diesem Jahr. Nach den Parlamentswahlen im Januar sind die rund 40 Millionen Wahlberechtigten nun aufgerufen, ihren Präsidenten zu bestimmen, den ersten direkt vom Volk gewählten Staatschef des Arabischen Frühlings. 13 Kandidaten kämpfen um die Nachfolge des gestürzten Hosni Mubarak, der in einem Militärkrankenhaus in Kairo auf das Urteil in seinem Prozess wartet. Am 21. Juni soll der Neue dann in den 400-Zimmer-Palast von Heliopolis einziehen und offiziell die Macht vom Obersten Militärrat übernehmen.

Ein kümmerlich knatterndes Feuerwerk kündigt derweil in Awsin die Ankunft des Kandidaten an. Abdel Moneim Abolfotoh, ein wuchtiger Mann mit weißem Haar, hat die Ausstrahlung eines väterlichen Landarztes. Schon als junger Medizinstudent forderte er 1975 bei einer Diskussion an der Universität den damaligen Staatspräsidenten Anwar as-Sadat offen heraus. Das inzwischen legendäre Tondokument des gereizten Wortwechsels ist auf Youtube ein Renner. Sadat sei umgeben von Kriechern und Heuchlern, hielt der couragierte junge Mann damals dem sakrosankten Präsidenten vor. „Halt den Mund, steh auf, stell dich anständig hin, du redest mit dem Führer des ägyptischen Volkes“, herrscht Sadat ihn an. „Ich stehe anständig“, gab dieser ruhig und bestimmt zurück.

Jetzt könnte Abolfotoh selbst Präsident Ägyptens werden. Fünf Jahre saß der Vater von sechs Kindern unter Mubarak im Gefängnis. Lange war er führendes Mitglied der Muslimbruderschaft, galt jedoch stets als relativ moderat und reformoffen. Vor einem Jahr warfen ihn die Brüder raus, als er auf eigene Faust seine Kandidatur für das Präsidentenamt erklärte. Heute unterstützen ihn die radikalen Salafisten genauso wie der bekannte Chefblogger der Revolution, Wael Ghonim, sowie beträchtliche Teile der jungen Muslimbrüder. Und so bietet er allen etwas von allem. Den Salafisten stellt er die Einführung der Scharia in Aussicht, im Blick auf die säkularen Wähler knüpft er das gleichzeitig an Bedingungen, die faktisch unerfüllbar sind. Erst müsse in Ägypten die Armut verschwinden und soziale Gerechtigkeit für alle herrschen, sagt er, bevor wir Gesetze einführen, nach denen Dieben die Hand abgehackt wird.

„Wir wollen ein Leben in Würde, wir wollen keine Willkür der Polizei mehr, und wir wollen einen anständigen Lohn für unsere Arbeit“, sagt Samaa Tallima, die als Staatsangestellte die Website des Kairoer Zoos betreut und nicht einmal 100 Euro im Monat verdient. Für Menschen wie sie hat Abolfotoh eine doppelte Botschaft. Ägypten braucht einen wirklichen Wechsel und ein neues Verhältnis zwischen Volk und Regierenden. „Ich höre euch zu, ich will euch dienen“, ruft er in den brausenden Applaus hinein. Ägypten sei eine reiche Nation und werde wieder auf die Beine kommen.

Aber auch seine härtesten Konkurrenten wissen ihre Anhänger zu mobilisieren. Das säkulare Lager schart sich hinter dem langjährigen Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Moussa. Die konservative Muslimbruderschaft hat ihren steifen Vorsitzenden der „Partei für Frieden und Gerechtigkeit“, Mohamed Mursi, ins Rennen geschickt, der seit seinen Studententagen Mitte der 70er Jahre dabei ist. Mursi lebte zwischendurch in Kalifornien, seine Kinder haben die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1995 stieg der heute 61-Jährige in das politische Zentralkomitee auf.

Mursis Kandidatur wird als Gemeinschaftsprojekt und Massenspektakel inszeniert. Wo immer er auftritt, sind viele tausend straff organisierter Anhänger auf den Beinen, mehr als bei allen anderen Kandidaten. Broschüren, Mützen, Wahlbuttons und T-Shirts mit seinem Gesicht werden feilgeboten. „Der Koran ist unsere Verfassung, die Scharia unser Gesetz“, skandiert die Menge. Was dem untersetzten Mursi an rhetorischem Talent und Ausstrahlung fehlt, gleicht ein halbes Dutzend Mitredner aus den Reihen des islamistischen Politbüros aus. „Wir wollen die Vereinigten Staaten von Arabien mit Jerusalem als Hauptstadt“, ruft einer der Einpeitscher unter frenetischem Jubel der Menge. Mit Mursi an der Spitze werde man nach Jerusalem ziehen – und wenn das eine Million Märtyrer koste.

Als der biedere, in den USA promovierte Professor für Ingenieurwissenschaften schließlich gegen Mitternacht als Letzter zu Wort kommt, wirkt er nur noch wie ein müder Abgesang. „Unser Land steht unter dem Schutz von Allah“, deklamiert er spröde und verspricht, künftig 15 Prozent des Staatshaushaltes in das Gesundheitswesen und 25 Prozent in das Erziehungswesen zu stecken. Ägypten werde eine Renaissance erleben. Was sind deine Pläne, werde er oft gefragt. „Es gibt nur eine Richtung, und die ist nach vorne“, antwortet er sich selbst, bevor er nach 15 Minuten abrupt mit einem patriotischen Gedicht schließt.

Amre Moussa dagegen ist kein Freund von Politlyrik. „Ägypten ist in seiner größten Existenzkrise. Die Menschen wollen jemanden, der weiß, was jetzt zu tun ist“, wirbt der 75-Jährige für sich. Perfekt sitzender Anzug und polierte Manieren – Moussa verkauft sich als weltläufiger Staatsmann. Nur wenn er als „Feloul“ bezeichnet wird, als ein Relikt des Mubarak-Regimes, versteinert sich seine Miene und der Ton wird scharf. Von 1991 bis 2001 war der Karrierediplomat Außenminister Ägyptens, bis ihn Hosni Mubarak zur Arabischen Liga weglobte, deren Generalsekretär er zehn Jahre lang blieb. Ägypten brauche einen Könner an der Spitze und keinen Anfänger, der seinen Job erst noch lernen müsse, sagte er bei einem Gespräch in seinem Wahlkampfquartier. Die Scharia als künftiges Rechtssystem für Ägypten steht für ihn nicht zur Debatte. Und so präsentiert sich Moussa als der Kandidat des liberalen Ägypten.

Laut Umfragen hat ihm die einstige Nähe zum Mubarak-Regime nicht geschadet. Wenige Tage vor der Abstimmung liegt Moussa zusammen mit dem moderaten Ex-Muslimbruder Abolfotoh vorne in der Gunst. Und so trafen beide zu einem Fernsehduell aufeinander, um dem Volk ihre Politik zu erklären – für das 60 Jahre diktatorisch regierte Land eine Premiere. Vier Stunden saßen Millionen Menschen vor den Fernsehern und konnten nicht genug kriegen von diesem Festival der Redefreiheit. Im dramatischen Finale der Debatte rasten die beiden Favoriten schließlich frontal aufeinander los. Abolfotoh hielt seinem Rivalen vor, ein Mann des alten Regimes zu sein. Mit Moussa werde es keinen Neuanfang geben. Er könne das Volk nur warnen, Abolfotoh zum Präsidenten zu wählen, retournierte Moussa empört. „Er hat keine Erfahrung. Er ist nicht qualifiziert. Und er kann das Land nicht führen.“

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