Zeitung Heute : Ein bisschen mehr Einsatz

Bundesaußenminister Frank- Walter Steinmeier hat sich dafür ausgesprochen, den Einsatz in Afghanistan auszuweiten. Was könnte konkret über das bisherige Engagement hinaus geleistet werden?

Robert Birnbaum

Die Mitteilung des Bundesverteidigungsministers fiel knapp aus. Das 2. Kandak (Bataillon) des 209. afghanischen Korps wurde von Kundus in den umkämpften Süden Afghanistans verlegt, die Regierung in Kabul hatte darum gebeten, dass deutsche Ausbilder die Soldaten begleiten. Doch Franz Josef Jung lehnte ab. Dem CDU-Politiker war klar, dass seine Ausbilder genau in jene Situation geraten könnten, die die Bundesregierung bisher unter allen Umständen vermeiden will: Kampfeinsatz in Südafghanistan.

Das war im Mai; doch seitdem hat sich die Diskussionslage verändert. Die SPD, namentlich Außenminister Frank-Walter Steinmeier, dringt nicht nur darauf, dass Deutschland seine Anstrengungen für die Ausbildung der afghanischen Armee ausbaut; Steinmeiers Staatsminister Gernot Erler brach am Montag auch offen ein bisheriges Tabu: Wenn es für diese Ausbildung sinnvoll sei, dass sie auch im Süden stattfinde, müsse man das bereden.

Politisch steht hinter solchen Gedankenspielen der Versuch der SPD-Spitze, den eigenen schwankenden Truppen im Bundestag die Verlängerung des Bundeswehrmandats im Herbst schmackhaft zu machen – nach dem Motto: Je besser wir die einheimischen Sicherheitsorgane ausbilden, desto eher können wir über einen geordneten Rückzug vom Hindukusch reden. Mehr aus politischem als aus bloß sachlichem Grund kommt dabei immer wieder die Verwendung deutscher Elitesoldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) als Ausbildungshelfer ins Spiel. Viele SPD-Abgeordnete würden am liebsten im Herbst das Mandat für bis zu 100 KSK-Kämpfer für die US-geführte „Operation Enduring Freedom“ (OEF) auslaufen lassen. Der bündnispolitische Flurschaden könnte, so die SPD-Überlegung, zumindest vermindert werden, wenn die seit Jahren von OEF gar nicht mehr eingesetzten Spezialsoldaten stattdessen unter dem Mandat der Schutztruppe Isaf tätig werden. Deshalb wird erwogen, KSK- Kämpfer als Begleiter afghanischer Einheiten in Kampfgebiete zu entsenden.

So innenpolitisch motiviert diese Gedankengänge ursprünglich sind, so sinnvoll könnten sie gleichwohl militärisch sein. Rund 16 000 der bisher 30 000 Soldaten der Afghanischen Nationalarmee (ANA) sind unter deutschem Oberkommando im Norden ausgebildet worden; etwa 200 der 3000 Bundeswehr-Soldaten im Einsatz sind damit beschäftigt. Die 800 Mann eines Kandak, absichtlich zusammengewürfelt aus allen Landesteilen, erhalten eine etwa halbjährige Grundausbildung. Anschließend schickt die Armeeführung in Kabul sie oft direkt in den Süden. Dort sind Kämpfer chronisch knapp – die ANA ist von ihrer Sollstärke 70 000 Mann weit entfernt.

Dass hier schneller mehr geschehen muss, fordern auch Politiker von Union und Opposition. Die Union allerdings spricht lieber von einer „Optimierung“ der Ausbildung als von mehr deutschen Soldaten. Der Grünen-Wehrexperte Winfried Nachtwei fordert, vor allem die von Deutschland federführend geleitete Polizeiausbildung zu verstärken. Die Qualität sei in Ordnung. Es fehlt aber derart an Ausbildern, dass zurzeit 30 Feldjäger der Bundeswehr auf dem kleinen Dienstweg die gröbsten Personalengpässe stopfen.

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