Zeitung Heute : Ein bisschen mitwählen

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„Es ist wie DDay“, sagt ein Wähler in Florida. „Es ist eine Schicksalswahl“, sagt ein deutscher Korrespondent in Washington. Kleiner ist dieser Wahltag in den USA nicht zu haben. Je mehr der Abend im deutschen Fernsehen voranschreitet, desto öfter muss sich der Zuschauer in den Arm zwicken: Die Amerikaner und nur die Amerikaner wählen ihren 44. Präsidenten – und nicht die Deutschen. Aber die Live-Sendungen tun so als, ob würden die Deutschen mitwählen. Die Anteilnahme der TV-Anstalten ist eindrucksvoll, der Einsatz gewaltig, Offensichtlich sind die Deutschen vom Wahlausgang abhängig, emotional, intellektuell, außen-, ja innenpolitisch. Die Hauptprogramme, nicht weniger die Nachrichtenstationen greifen diese Spannung und Anspannung mit Lust auf.

Ob die ARD, die Privatsender RTL und Sat 1 oder das ZDF, alle Sender verwandeln die US-Präsidentschaftswahlen in einen deutschen Wahlabend mit Austragungsort Washington. Wahlstudios sind an zentralen Orten eingerichtet worden, mit Außenstationen in Boston, in Florida, in New York, es ist ein fröhliches Schalten und Walten. Und sind nicht die besten Halb- und Viertel-Amerikaner nach drüben geschickt worden? Claus Kleber, der ZDF-„Anchorman“, bekennt, dass dies schon „seine sechste Präsidentenwahl“ sei. RTL rückt gar zu gerne Peter Kloeppel ins Bild, gerade erst mit seiner Doppel-Dokumentation „Amerika!“ zum intimen USA-Kenner promoviert.

Das Hineinschauen und Hineinhören in die USA wird für den, der den Blick weiten will, vom US-Nachrichtensender CNN gebrochen. Weltweit wird ein Stimmungsbild eingeholt, Korrespondent Chris Burns in Berlin berichtet, wie die Deutschen wählen würden – satte Mehrheit für John Kerry, klare Abfuhr für George W. Bush. Kein Zweifel, dieser Tag ist der wichtigste Wahltag der Welt.

Bereits in den Nachrichten und in den Magazinen füttern die deutschen Sender die Erwartungen, mit den stets wiederholten Statements vom Kopf-an-Kopf-Rennen, mit Erklärungen zum US-Wahlsystem. Grafiken mit den „Swing States“ werden eingeblendet.

Der Wettbewerb der Programme um das Interesse des Publikums lässt erste Spekulationen aufsteigen. Um 22 Uhr 38 verlautbart der ARD-Wahlforscher Jörg Schönenborn eine Tendenz für Kerry. Sandra Maischberger hat sich im Restaurant „Papa-Razzi“ einen Tisch reserviert, um eine Runde aus dem Ehepaar Krüger, Reporter Gerd Ruge erst kühl und dann hitziger über Amerika parlieren zu lassen. Henryk M. Broder ist auch da: Mit Amerika-Krawatte und roten Hosenträgern hat er sich als US-Talker Larry King verkleidet. „Spiegel“-Autor Broder ist als „Bush-Man“ in die USA gereist – und zu Kerry umgeschwenkt. Dann aber schimpft Broder los und erkennt bei den Deutschen „antiamerikanische Ressentiments“.

Mitternacht in Deutschland, Abend in Washington, auch ZDF und RTL sind jetzt live dabei. Prognosen werden geboten, vor Prognosen wird gewarnt, seriöses Spekulieren, mehr ist nicht drin. Die erste Aufregung hat sich abgekühlt. In den Wahlstudios werden alte Statements neu aufgelegt, aber halt, da kommt special correspondent Thomas Gottschalk aus Hollywood ins Bild. Er sagt, dass Kalifornien traditionell demokratisch wählt. Claus Kleber dankt für diese „politische Analyse“. Sandra Maischberger kämpft derweil mit dem Pin-Up-Kalender „Babes against Bush“. Broder ist interessiert, zumal „Miss February“ Platz genommen hat.

Überraschung um ein Uhr: ARD und ZDF melden – noch vor CNN – erste Ergebnisse aus einigen Bundesstaaten. Offenbar wirkt das Debakel von 2000 nach, als die US-Sender stündlich einen anderen Gewinner ausriefen. Bush liegt vorn. Mehr Spannung war selten.

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