Zeitung Heute : Ein bisschen rauf – und ganz viel runter

Zum Jahresanfang ist die Mehrwertsteuer gestiegen. Warum sinken die Preise im Einzelhandel trotzdem?

Dagmar Rosenfeld

Die 19 ist die wohl meistgefürchtete Zahl der vergangenen Monate gewesen: Denn zum 1. Januar dieses Jahres ist die Mehrwertsteuer auf 19 Prozent angehoben worden. Eine Erhöhung die fatale Folgen haben soll – zumindest legen das Studien wie die des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nahe. 190 000 Arbeitsplätze werde die höhere Mehrwertsteuer in den kommenden drei Jahren kosten, hat das Institut errechnet. Die vollständige Verwendung der zusätzlichen Mehrwertsteuereinnahmen für die Haushaltskonsolidierung bremse Wachstum und Beschäftigungsentwicklung zunächst deutlich, heißt es in der Studie. 19 Prozent Mehrwertsteuer, das verursache einen Ausfall an privater Nachfrage, weil die Kaufkraft der verfügbaren Einkommen sinke.

Allerdings sieht es so aus, als ob der Großteil der Einzelhändler die Mehrwertsteuererhöhung gar nicht an die Kunden weitergeben wird. Ob Bekleidungsketten wie C & A oder H &M, ob Versandhäuser wie Quelle oder Otto, ob Warenhäuser wie Karstadt oder Kaufhof, ob Elektronikhändler wie Saturn und Media-Markt – sie alle beteuern, die höhere Mehrwertsteuer werde sich nicht auf die Preise auswirken. Selbst der Rewe-Discounter Penny, der wegen des hohen Anteils an Lebensmitteln im Sortiment von der Mehrwertsteuererhöhung kaum betroffen ist, verspricht seinen Kunden bis zum 6. Januar einen Drei-Prozent-Rabatt auf den gesamten Einkauf.

„Wir haben weder im Vorfeld die Mehrwertsteueranhebung eingepreist, noch zum Jahreswechsel etwas auf die Preise draufgeschlagen“, heißt es bei Saturn und Media-Markt. „Die EDV der Kassensysteme ist zwar auf 19 Prozent Mehrwertsteuer umgestellt worden, die Preise aber sind gleich geblieben“, sagt auch Jörg Howe, Sprecher des Karstadtkonzerns. Statt Mehrwertsteuerschock erwartet die Kunden zum Jahresanfang vielmehr ein Rabattparadies – schon jetzt lockt der Handel mit Preisnachlässen von 50 Prozent und mehr. „Es gibt deutlich mehr solcher Rabattaktionen als sonst in den traditionell ruhigeren Wochen Anfang Januar“, konstatierte der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE).

Warum der Einzelhandel seine Kunden mit der Mehrwertsteuererhöhung verschont, dazu erklärte Thomas Voigt, Direktor Wirtschaftspolitik und Kommunikation der Otto Group: „Die Wettbewerbssituation im Handel lässt es aus unserer Sicht nicht zu, die Preise spürbar zu erhöhen.“ So denkt man offenbar nicht nur beim Otto-Versand. „Der Einzelhandel wird letztlich wohl nur ein Drittel der Mehrwertsteuererhöhung an die Kunden weitergeben können“, sagte HDE-Sprecher Hubertus Pellengahr. „Zwei Drittel müssen Einzelhandel und Industrie selbst tragen, weil der Preiswettbewerb zu scharf ist.“ Einen Preisschock werde es daher nicht geben. Auch die Vorzieheffekte der Steuererhöhung seien gering, erklärte Pellengahr. „Im vergangenen Jahr sind die Preise um 0,8 Prozent gestiegen, da kann keine Rede davon sein, dass nennenswerte Effekte der Erhöhung vorgezogen worden sind.“ Preissteigerungen seien im vergangenen Jahr die Ausnahme gewesen, bestätigt das Statistische Bundesamt, das monatlich 44 Artikelgruppen auf ihre Preisentwicklung prüft.

Doch dass die Verbraucher dauerhaft glimpflich davonkommen werden, daran zweifelt der HDE. „Der Januar ist klassischer Ausverkaufsmonat, ab Februar werden die Verbraucher dann die Preiserhöhungen im Einzelhandel auch stärker spüren“, sagte Pellengahr. So hat die Möbelkette Ikea bereits angekündigt, die Mehrwertsteuererhöhung voll an ihre Kunden weiterzugeben – allerdings erst ab dem 1. Februar 2007. „Einem Unternehmen, das die Preise von Anfang an ehrlich, transparent und so niedrig wie möglich kalkuliert, ist es nicht möglich eine dreiprozentige Kostenerhöhung zu verkraften“, heißt es bei Ikea.

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