Zeitung Heute : Ein "bitchen" Nostalgie

BERTRAM KÜSTER

Die Ära der Homecomputer und Spielekonsolen ist lange vorbei.Aber wer erinnert sich nicht gerne zurück? Zum Beispiel an den sensationellen Erfolg des Commodore 64, der aufgrund seines eigenartigen Designs als "Brotkiste" in die Geschichte eingehen sollte.Oder an das VCS2600 der Firma Atari, das ab 1977 für viele Jahre Marktführer im Bereich der Videospiele war.Lange Zeit schien es, diese Klassiker der 70er und 80er Jahre wären für immer vergessen.Doch seit einiger Zeit ermöglichen Emulatoren ein glanzvolles Comeback der Oldtimer.

Mit ihnen läßt sich die komplette Hardware der verschiedensten Computersysteme auf einem PC, einem Mac oder auf anderen Systemen simulieren.Das Internet dient dabei als optimale Plattform.Einerseits ermöglicht es den Entwicklern, weltweit gemeinsam an der Verbesserung der Emulatoren zu arbeiten, andererseits dient es den Fans als Fundgrube für so manchen verloren geglaubten Schatz.Die Bandbreite der Emulatoren ist groß.Das NES (Nintendo Entertainment System) ist ebenso zu finden wie sein damaliger Konkurrent das SEGA Master System.Auch das Grafikwunder Amiga, Nachfolger des Commodore 64, und der Soundspezialist Atari ST wurden erfolgreich übersetzt.Sogar Handhelds wie der Gameboy oder ausgewachsene Spielhallenautomaten werden auf diese Weise verewigt.

So entsteht nach und nach ein Museum für die Antiquitäten des Computerzeitalters.Bewahrt wird natürlich nicht nur die Hardware in Form der Emulatoren, sondern auch die Software.Besonders Video- und Computerspiele liegen den Restauratoren am Herzen.Als ROMs oder Disk Images füllen sie die Archive im Internet zu Tausenden.Vom Urahn Pong von Atari über den ersten Auftritt des Klempners Mario in Donkey Kong bis zum Pillenfresser Pac Man - alles, was Rang und Namen hat (und alles andere auch) wird so für die Nachwelt aufbewahrt.

Besonders die Datenmengen der frühen Videospiele erscheinen angesichts der heute üblichen Megabyte-Wucherei geradezu rührend.So waren beispielsweise die Atari 2600-Module allesamt kaum größer als 4 Kilobyte.Trotzdem sorgten Spiele wie Asteroids, Breakout und Frogger bei den Spielern für Begeisterung.Niemand störte sich an der grob-pixeligen Grafik, die in Zeiten von Lara Croft und Co geradezu antik erscheint.

Die Entwicklung der Emulatoren ist kein Kinderspiel.Vor allem mit den Videospielkonsolen tun sich die Programmierer schwer.Während sie für die diversen Computersysteme erläuternde Handbücher zu Rat ziehen können, sind sie bei Nintendo und Konsorten allein auf ihre Findigkeit angewiesen, um die Funktionsweise der Hardware für die Emulatoren zu übersetzen.Und dabei zahlt sich die Mühe noch nicht einmal aus, da die Emulatoren meist als Free- oder Shareware angeboten werden, für die sich nur die wenigsten Nutzer registrieren lassen.Was bleibt ist meist Respekt und Anerkennung der Kollegen und Fans.

Von der Schwierigkeit gute Emulatoren zu programmieren, zeugen auch die Resultate.Nur wenige erreichen eine nahezu perfekte Simulation.Vor allem in der grafischen Darstellung und in der Performance zeigen Macken.Einige der Spiele laufen nur fehlerhaft.Abgesehen davon sind Emulatoren wahre Ressourcenfresser.Gerade 16-Bit-Systeme, wie Amiga 1000 und 500 oder Atari ST, benötigen mindestens einen schnellen Pentium und 32 MB RAM, um eine annehmbare Geschwindigkeit zu erreichen.

Ein weiterhin ungelöstes Problem stellt auch die Frage nach Copyright-Verletzungen dar.Die unzähligen Web-Sites, die neben den Emulatoren auch ROMs und Disk Images zum Download bereithalten, bewegen sich rechtlich in einer Grauzone und werden von den Herstellern mit Argusaugen beobachtet.Generell gilt: Wer nicht im Besitz des entsprechenden Originals ist, darf die ROMs nur für 24 Stunden auf seinem Rechner installieren.Dies gilt insbesondere für Programme, die noch im Umlauf sind und von den Herstellern selbst als Klassiker wiederverwertet werden.Seriöse Anbieter haben sich aber mittlerweile mit den Rechteinhabern darauf geeinigt, Spiele, auf die Copyright-Ansprüche angemeldet werden, von ihren Servern zu verbannen.Versuche, neueste Systeme wie etwa das Nintendo 64 oder die Sony Playstation zu emulieren, dürften aber weiter für Unruhe sorgen.

Nostalgikern, die nur mal wieder einen Blick auf ihr lange vergessenes Lieblingsspielzeug werfen wollen, sei ein Ausflug in die Welt der Emulatoren dennoch wärmstens empfohlen.Allerdings sind gute Englischkenntnisse von Nöten, da es bislang keine relevanten Seiten aus dem deutschsprachigen Raum gibt.Als Topadressen sind www.davesclassics.com sowie www.classicgaming.com zu nennen.Beide Angebote beinhalten eine reiche Auswahl an Emulatoren, ROMs und Disk Images sowie allgemeine Informationen zum Einstieg.Das einzigartige Erscheinungsbild des C64 (blau auf blau) oder eine Runde Space Invaders garantieren dann: Wiedersehen macht Freude.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben