Zeitung Heute : Ein blasseres Rot Von der PDS zur SPD:

Angela Marquardt

Tissy Bruns

Sie hat es schriftlich: „Ihre Biografie passt nicht in unser Unternehmen.“ Als Angela Marquardt „zum zweiten Mal ins Leben“ gestartet ist, wusste sie, dass Berufsanfänger es schwer haben auf dem Arbeitsmarkt. Aber Absagen mit Verweis auf die Biografie sind bei Uni-Absolventen selten, so ungewöhnlich eben wie Marquardts Laufbahn. Unmittelbar nach der Wende hat sie als 19-Jährige eine steile Karriere in der PDS begonnen. Parteivorstand, stellvertretende Vorsitzende, Bundestagsabgeordnete von 1998 bis 2002, schillernde „Polit-Punkerin“ auf vielen Bühnen. Nach dem Austritt aus der PDS hat sie lange vergeblich einen Platz „in einem anderen, ganz normalen Leben“ gesucht.

Heute absolviert sie ihren formal dritten Arbeitstag im Berliner Paul-Löbe- Haus, in einem Abgeordnetenbüro. Angela Marquardt ist zuständig für das Projekt Rechtsextremismus, Mitarbeiterin der SPD-Parlamentarierin Andrea Nahles. Marquardt über Nahles: „Sie gibt mir die Chance zu beweisen, dass ich mehr bin als die ehemalige Vorzeige-Jugendliche der PDS.“

„Ganz normal“ ist dieser Arbeitsplatz natürlich nicht. Angela Marquardt, jetzt 35, Politologin, Diplomarbeit über NPD und Rechtsextremismus, beginnt ihr neues Leben an dem Ort, an dem sie auf vieles treffen wird, was ihr erstes ausgemacht hat. Bei ihrem Rückzug von der PDS hat sie Aufsehen bewusst vermieden. Denn mit jedem öffentlichen Argument gegen die PDS, sagt sie, werde sie eben auch wieder „die Marquardt“. Die mit den bunten Haaren, die Querköpfige, die der Gysi irgendwie gut fand. „Ich will endlich mit einem Thema identifiziert werden, mit meiner Arbeit.“ Die Absagen der letzten anderthalb Jahre empfindet sie nicht in erster Linie als Vorbehalt gegen ihre politische Vergangenheit. Sie müsse gegen „ein Bild“ antreten, das die Leute von ihr haben: „Jeder glaubt mich zu kennen.“

Mit ihrem ungewöhnlichen Auftreten ist sie in der PDS immer angeeckt; andererseits weiß sie aber auch um den Nutzen, den die Partei daraus zog: „Natürlich war es für die PDS besser, mich“ – statt andere – zum Herzeigen „in den Westen zu schicken.“

Marquardts Leben als öffentliche Person hat nicht nur im Rampenlicht stattgefunden. Als Bundestagsabgeordnete musste sie sich vor dem Immunitätsausschuss rechtfertigen, als es hieß, die 15-jährige Schülerin Marquardt habe sich zur Stasi-Mitarbeit verpflichtet. Das Verfahren endete mit ihrer Entlastung, nachdem sie zwei Stunden Rede und Antwort gestanden hatte, auch über ihre schwierige Familiengeschichte. „Sehr fair“ nennt sie den Umgang der parlamentarischen Institutionen mit ihrer Geschichte.

Ihre Lösung von der PDS begann, als nach der Bundestagswahl 2002 die Reformer einen Rückschlag einstecken mussten. Abgestoßen haben sie aber nicht nur die Eiferer, die ihr vorwarfen, solche wie sie seien für die Wahlniederlage verantwortlich. Sondern auch der Opportunismus einiger Reformer, die ihre eigene Karriere wichtiger fanden als die Öffnung der PDS. Sie habe festgestellt, dass sie in ähnliche Abhängigkeiten von der Parteilaufbahn geraten könnte, wenn sie bliebe, und mit Schrecken gemerkt: „Dazu bin ich zu jung.“ 2003 dann stand für sie fest: „Diese Partei ist nicht erneuerungsfähig.“

Wenn Nahles, die linke SPD-Wortführerin, eine wie Marquardt in ihr Büro holt, dann kann man sich ausrechnen, was auf den Fluren des Bundestags geredet wird: Über die rot-rote Nebenpolitik von Andrea Nahles, über den „Frontenwechsel“ der ehemaligen PDS-Abgeordneten. Marquardt sagt, sie habe sich diesen Ort nicht ausgesucht, eine Ironie der Geschichte sieht sie allerdings: „Offensichtlich ist meine Resozialisierung nur über Parteistrukturen möglich.“ Mitglied der SPD ist Angela Marquardt übrigens nicht.

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