Zeitung Heute : Ein Briefzentrum für 150 Millionen Mails täglich

Kurt Sagatz

Das größte Briefzentrum Deutschlands ist gerade einmal 100 Quadratmeter groß, kostet weniger als fünf Millionen Mark und benötigt für den Normalbetrieb keinen einzigen Mitarbeiter. In der Welt der Atome sicherlich undenkbar, in der Welt der Bits der Normalfall, denn bei der Anlage handelt es sich um den zentralen deutschen Internet-Knoten in Frankfurt, dessen Umzug innerhalb der Main-Metropole am heutigen Mittwoch gefeiert wird.

Zwei Drittel aller Briefe, die in der Bundesrepublik täglich auf den Weg geschickt werden, tragen inzwischen eine E-Mail-Anschrift auf dem virtuellen Umschlag. Und beinahe jede dieser 150 Millionen Mails passiert auf seinem Weg den Frankfurter Internet-Knoten DE-CIX, der "Dekicks" gesprochen wird, ausgeschrieben "Deutscher Commercial Internet Exchange" bedeutet und selbst den meisten Heavy-Nutzern des Internets unbekannt ist, weil er seinen Dienst im Hintergrund verrichtet.

Anders als oft angenommen, besteht das Internet aus zahlreichen Einzelnetzen konkurriender Provider. Die großen deutschen Anbieter - mit Ausnahme der Telekom - tauschen nun ihre Daten in Frankfurt aus, denn hier laufen alle Netze zusammen. Ohne diesen Übergabepunkt müssten alle Datenpakete erst den Weg über das Transatlantik-Kabel nach USA nehmen, um von dort wieder zurück an das entsprechende Konkurrenznetz gesendet zu werden. Dies wäre jedoch nicht nur teuer, sondern würde zugleich zu Verzögerungen führen. In weiser Voraussicht gründeten darum 1995 die Internet-Provider EUnet, Xlink und Maz den Übergabepunkt in der Main-Metropole. Inzwischen kommen dort über 50 Netzbetreiber zusammen.

Als der Knoten vor fünf Jahren seinen Betrieb aufnahm, wurden vergleichsweise bescheidene fünf Millionen Bits in der Sekunde zwischen den Netzen bewegt. Anfangs wurden halt überwiegend Textinformationen übertragen. Heute sorgen vor allem Bild-, Ton- oder Videodaten für den größeren Bandbreitenbedarf der auf rund 11 Millionen Onliner angewachsenen Internet-Gemeinde Deutschlands. Dementsprechend hat das Datumvolumen zugenommen: Ende 1999 rasten jede Sekunde 460 Megabits über die Leitungen und Harald Summa von der DE-CIX-Betreibergesellschaft eco rechnet damit, dass sich dieser Wert bis zum Jahresende nochmals verdoppelt.

Am neuen Standort im Frankfurter Osten wird nun ein neuer Hochleistungs-Verbindungsrechner dafür sorgen, dass auch die anderen Netzneulinge, die es Boris und Verona mit dem Gang ins Netz gleichtun, nicht durch unnötige Flaschenhälse in ihrem Surf- und Mail-Wünschen gebremst werden. Zudem bietet der neue Standort auch mehr Platz für die Provider, ihre sonstige Technik dort unterzubringen. Hierfür wird übrigens der größte Teil des insgesamt 1000 Quadratmeter großen Areals benötigt.

Angst vor Hackern haben die DE-CIX-Betreiber übrigens nicht. Bei der Hardware handelt es sich im Gegensatz zu den Servern mit Internet-Inhalten nicht um aktive Rechner, die von außen zu knacken wären, erläutert Summa. Auch gegen konventionelle Einbrüche ist der Internet-Knoten geschützt. Und sollte einmal der Strom in der Hanauer Landstraße ausfallen, nehmen die Notstromaggregate den Betrieb auf. "Die Dieselgeneratoren waren beinahe das Teuerste an dem Umzug", so Summa. Überdies unterhalten die Provider weitere Peering-Points, über die im Ernstfall der Internet-Betrieb laufen könnte.

Wie lange die neue Technik die Internet-Last bewältigen kann, ist schwer abzusehen. Die privaten Nutzer, die maximal mit einem ISDN-Anschluss online gehen, werden kaum Engpässe verursachen. Allerdings legen sich immer mehr Unternehmen Standleitungen zu, die rund um die Uhr mit dem Netz verbunden sind. Zudem ermöglichen neue Techniken wie XDSL, die ein Vielfaches der Übertragungsleistungen von ISDN-Anschlüssen über das normale Telefonkabel zulassen, eine stärkere Verbreitung multimedialer und somit Bandbreiten-hungrigerer Anwendungen. Entlastung könnte dann ein zweiter zentraler Übergabepunkt bringen, der in den nächsten Jahren in Norddeutschland entstehen soll.

Die Deutsche Post hat die digitale Konkurrenz natürlich zu spüren bekommen. Mit zuletzt 70 Millionen übermittelter Briefe täglich verbuchte das Staatsunternehmen zwar noch einen leichten Zuwachs. Doch ohne die Zunahme bei der Werbepost würde die Bilanz schlechter aussehen. Auch der Gelbe Riese setzt daher auf das Internet. Beim der "E-Post" verschicken Unternehmen ihre Briefe über Datenleitungen, die Nachrichten werden dann in der Nähe der Empfänger ausgedruckt und so kostengünstig bereits am nächsten Morgen in den Briefkasten geworfen. 160 Millionen Briefe wurden im letzten Jahr auf diese Weise verschickt. Auch diese Daten laufen - zumindest teilweise - über Frankfurt.

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