Zeitung Heute : Ein Buch mit sieben Siegeln: Eigene Programme schreiben

MARKUS VON RIMSCHA

Nicht nur große Firmen mit ausgewachsenen EDV-Abteilungen, sondern auch Privatanwender oder Kleinunternehmer haben schon einmal mit dem Gedanken gespielt, eigene Software zu entwickeln.Die gängigen Standardpakete sowohl aus dem Office- als auch aus dem Heimbereich sind bei sehr speziellen Wünschen oft nicht ausreichend.Oder sie sind einfach zu groß und komplex für die gewünschten Aufgaben.Eigens angefertigte Produkte zu kaufen, scheidet jedoch gerade für Privatanwender aus Kostengründen aus.Da bleibt kaum eine andere Wahl, als selbst in die Tastatur zu greifen, und schon tut sich das erste Problem auf.Welche Programmiersprache soll überhaupt eingesetzt werden?

Eine der wesentlichen Anforderungen an die zu erstellende Anwendung wird mittlerweile von fast jeder gängigen Programmiersprache recht gut umgesetzt, nämlich die Unterstützung der grafischen Benutzeroberflächen üblicher Betriebssysteme wie Windows.Die sehr komplexe Fenstertechnik mit der schier unüberschaubaren Anzahl an Funktionen muß nicht mehr von Hand programmiert werden.

Programmierumgebungen wie die in Borlands "Builder"-Produkten integrierte Variante stellen alle erdenklichen Elemente vorgefertigt zur Verfügung.Das Fenster wird gewissermaßen interaktiv gezeichnet, vom Textfeld über Auswahlboxen und -listen bis hin zur Anzeige des Programmfortschritts, alles ist da.Das klassische Tippen von Programmcodes ist also stark eingeschränkt.Getreu dem Konzept der ereignisgesteuerten Programmierung werden eben nur die Ereignisse definiert, die durch Betätigen eines Schalters ausgelöst werden.Dieses Verfahren wird RAD (rapid application development) genannt.

Die klassische und wohl bedeutendste Programmiersprache ist "C".Vom Betriebssystem bis zur Textverarbeitung, die meisten heute verfügbaren Programme sind in C geschrieben.Der Grund hierfür liegt nicht ausschließlich darin, daß C immer die beste Wahl wäre.Entscheidend ist vielmehr, daß quasi jeder Programmierer C beherrscht und die meisten Programmbibliotheken in C vorliegen.So hat C den Status eines de-facto-Standards.

Konzeptionell ist C eine Compiler-Sprache.Das eingegebene Programm wird in eine selbständig ausführbare Anwendung übersetzt.Der wesentliche Vorteil dieser Programmiersprache ist die Geschwindigkeit.Unter anderem durch die vollständige Übersetzung des Programms sowie durch sehr fortschrittliche Technologien in den verschiedenen C-Compilern werden sehr schnelle Programme erzeugt.Nachteilig wirkt sich jedoch die relativ kryptische Sprache aus: Ein C-Programm-Code ist meist mit Sonderzeichen gespickt.Durch die sehr kompakte Schreibweise sowie verschiedene Möglichkeiten, mehrere Anweisungen zu einer einzigen zusammenzufassen, sind C-Programme oft extrem schwer zu lesen.Darüber hinaus wird hier zwischen Groß- und Kleinschreibung unterschieden.Auf den ersten Blick gleiche Namen können so völlig unterschiedliche Objekte bezeichnen.Die im Sinne eines guten Stils geforderte ausführliche Kommentierung des Programms ist hier besonders dringend nötig.Daher wird C hauptsächlich von Profis oder fortgeschrittenen Programmierern eingesetzt und lohnt sich insbesondere bei sehr geschwindigkeitssensiblen Anwendungen.

Ähnlich wie C ist "Pascal" beziehungsweise der Nachfolger "Delphi" eine Compiler-Sprache, die selbständige Programme erstellt.Während die Geschwindigkeit von C nicht ganz erreicht wird, ist Pascal doch wesentlich einfacher zu erlernen.Angenehm fällt hier insbesondere der relativ leicht lesbare Programmtext auf.Es werden wesentlich weniger Sonderzeichen eingesetzt, die lästige Unterscheidung zwischen Groß- und Kleinschreibung existiert nicht.Insgesamt ähnelt ein Pascal-Programm wesentlich mehr einer formalisierten Beschreibung in Englisch.Pascal beziehungsweise Delphi eignet sich also eher für den Einstieg, in der Regel lassen sich Programme hier auch einfacher und schneller erstellen.

Funktionell unterscheiden sich beide Sprachen durch einige Details, so erlaubt Pascal das Schachteln von Funktionen, was die Übersichtlichkeit des Programmes deutlich steigert.Eine Spezialisierung auf ein bestimmtes Einsatzfeld existiert aber nicht.

Da beide Sprachen jedoch relativ alt sind, wurden wesentliche, neuere Konzepte teilweise erst nachträglich integriert.Eine Objektorientierung, die insbesondere bei sehr großen Projekten wertvoll ist, wurde in C durch die Erweiterung C++ umgesetzt.Konzepte wie die Modularisierung, also Unterteilen eines Programmes in verschiedene Blöcke, ist durch ein Aufteilen auf mehrere Dateien realisiert.

Anwendungen, die in C oder Pascal erstellt wurden, laufen grundsätzlich nur auf einem Rechnertyp.Wird beispielsweise auf einem PC unter Windows entwickelt, so muß das Programm für einen UNIX-Rechner mit einem C-Compiler für UNIX neu übersetzt werden.

Ein grundsätzlich anderes Konzept verfolgt Java, dessen Programmtext sehr an C++ erinnert.Hier wird kein selbständig lauffähiges Programm erzeugt.Vielmehr wird hier auf verschiedenen Rechnern eine identische virtuelle Maschine simuliert, woraus der entscheidende Vorteil von Java resultiert: Die Programme sind plattformunabhängig.Daher bietet sich Java insbesondere für die Internet-Programmierung an.

Der wesentliche Nachteil von Java ist jedoch die Geschwindigkeit.Wegen der grundsätzlich anderen Technologie sind Java-Programme relativ langsam.Dieser Aspekt sollte aber nicht überbewertet werden, schließlich sind die meisten Anwendungen damit beschäftigt, auf Benutzereingaben zu warten.Lediglich für geschwindigkeitssensible Anwendungen ist Java ungeeignet.

Alle diese Sprachen sind, je nach den Bedürfnissen des Programmierers, in verschiedenen Versionen verfügbar.Während Standard-Versionen je nach Sprache für 100 bis 350 DM zu haben sind, kosten Professional-Versionen meist über 1000 DM, Client-Server-Versionen reichen bis in den mittleren vierstelligen Bereich.Die großen Versionen lohnen sich meist nur bei sehr hohen Anforderungen, hier sind Funktionen wie Datenbankunterstützung oder Active-X-Programmierung umfassend integriert.

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