Zeitung Heute : Ein Demokrat für alle

Malte Lehming[Washington]

Ex-US-Präsident Bill Clinton wird UN-Sondergesandter für die Tsunami-Hilfe. Was wären denkbare Gründe und mögliche Folgen dieser Berufung?

Einige Konservative in den USA plagt ein Albtraum. Der Angstschweiß steht ihnen auf der Stirn. Das Horrorszenario sieht so aus: Im nächsten Jahr endet die Amtszeit von UN-Generalsekretär Kofi Annan. Sein Nachfolger? Bill Clinton. Zwei Jahre später wird ein neuer US-Präsident gewählt. Das Rennen macht? Hillary Clinton. Der ehemalige Senator Jesse Helms, ein Clinton-Hasser und UN-Verachter, hat bereits eine Petition an George W. Bush verfasst. Darin fleht er den amtierenden Präsidenten an, eine Ernennung von Bill Clinton zum UN-Generalsekretär mit allen Mitteln zu verhindern. Andernfalls würde ein „tragischer Fehler“ begangen.

Helms sollte sich abregen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Clinton auf Annan folgt, tendiert gen null. Einer ungeschriebenen UN-Tradition zufolge werden die Generalsekretäre im Rotationsverfahren nach Regionen ermittelt. Als nächstes ist Asien an der Reihe. Außerdem sollten sie nicht aus Ländern stammen, die ein Veto im Sicherheitsrat haben. Und trotzdem: Sobald der Name „Clinton“ fällt, kursieren stets wilde Gerüchte.

Am Dienstag wurde der Ex-Präsident von Annan zum UN-Sonderbeauftragten für die Tsunami-Hilfe ernannt. Sofort blühten Spekulationen. Wer zieht hier wen? Der Frühpensionär leide unter Beschäftigungsmangel, heißt es. Nein, er soll für ein hohes Amt in den UN aufgebaut werden, lautet die Erwiderung. Unsinn, geben die Nächsten zu bedenken, Clinton eigne sich hervorragend als Bindeglied zwischen UN und Bush-Regierung. Über ihn soll die Wiederannäherung erfolgen. Das sei seine Aufgabe.

Vielleicht stimmt von allem etwas. Clinton langweilt sich. Er sucht nach einer passenden Aufgabe. Seine Memoiren hat er verfasst, für die Rolle des Elder Statesman fühlt er sich zu jung, als Moralist und Streiter für die Menschenrechte fungiert bereits Jimmy Carter. Was also tun? Nun hat ausgerechnet Clintons Nachfolger, George W. Bush, mit feinem Sinn gespürt, dass in dem aktionshungrigen Clinton politisches Kapital schlummert. In einem genialen Schachzug bat er ihn und seinen Vater vor einem Monat darum, in den USA die private Spendenhilfe für die Flutopfer voranzutreiben. Ende Februar werden sie gemeinsam die Region bereisen.

Noch immer ist Clinton eine Ikone der Demokraten. Mit seiner Rede und seinem Charisma leiteten sie vor fünf Monaten ihren Wahlkampf-Parteitag ein. Jetzt bricht Bush ihn mit seiner Umarmung aus der Oppositionsfront heraus. Auch andere Demokraten werden ihren Ton daher mäßigen müssen. Der zweite Effekt: Über Clinton kann sich Bush leichter mit den UN versöhnen. Der Irakkrieg hatte eine Spaltung des Sicherheitsrates bewirkt. In seiner zweiten Amtszeit will der US-Präsident den Graben wieder schließen.

So fügt sich eins zum anderen. Ein wenig nervös dürfte allenfalls Gerhard Schröder sein. Ein Schwergewicht wie Clinton als Haupteintreiber der zugesagten Hilfsgelder lässt sich nicht abwimmeln. Bald fragt der Ex-US-Präsident sicher auch im Bundeskanzleramt nach, wie viel von den 500 Millionen Euro schon gezahlt wurde. Dann könnte es heikel werden.

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