Zeitung Heute : Ein deutscher Bahnhof

HERMANN RUDOLPH

Der Großumbau in Leipzig - Signal für Lebensgeist und ZukunftsstolzVON HERMANN RUDOLPHWenn der einstmals größte Bahnhof unter den großen alten Bahnhöfen von Grund auf umgebaut wird, kann das gewiß als Ereignis gelten.Erst recht trifft das zu, wenn damit jene neue Generation von Bahnhöfen das Licht der Welt erblickt, mit denen die Deutsche Bahn das Land überziehen will - Vorboten des 21.Jahrhunderts, hoch technisiert, kühn konzipiert, Dienstleistungszentren und Konsumtempel zugleich.Aber die Einweihung des Leipziger Hauptbahnhofs gestern war doch noch mehr.Der Einbau der neuen, strahlenden Innenwelt ins alten Gehäuse setzt auch ein Zeichen für die dynamische Entwicklung einer Stadt und einer Region, die wie keine andere den Neuaufbau im Osten exemplifizieren.Und so mag man sogar eine tiefere Bedeutung darin sehen, daß es die Stadt ist, die vor acht Jahren die Revolution verkörperte, in der die neue Zeit so modern und ehrgeizig, so zukunftsstolz und selbstbewußt aufscheint wie nirgendwo sonst in den neuen Ländern. Es stimmt ja auch, daß - wie es der Werbe-Slogan will - "Leipzig kommt".Es sind nicht nur die Banken, die kühne Glashalle der Messe und die wiederhergestellten Bürgerhäuser, die dafür einstehen.Hier scheint eine Stadt die Last von real-sozialistischen Verfall und DDR-Grau wirklich abgeschüttelt zu haben.Spürbar ist ein wiedererwachter urbaner Lebens- und Lokalgeist - wobei freilich hinzuzufügen ist, daß es Leipzig unter den ostdeutschen Großstädten am ehesten gelungen ist, seinen städtischen Charakter durch die DDR-Jahrzehnte hindurchzuretten.Dazu kommt die Entwicklung, die die Region Leipzig-Halle-Dessau dank Tradition und geographischer Lage genommen hat.In diesem Städtedreieck ballt sich ein guter Teil der Kräfte und Potentiale, die den Neuaufbau und die Neustrukturierung im Osten mitbestimmen.Es entsteht eine neue Ausfüllung des Begriffs Mitteldeutschland - und Leipzig ist dafür das Zentrum. Aber der um- und umgestülpte Bahnhof, die ehrgeizige Stadt und die Region buchstabieren nicht nur die Stärke des Neuaufbaus Ost, sondern auch seine Problematik.Was in Leipzig und um Leipzig herum so beeindruckend neu und zukunftsversprechend ist, die schön restaurierte Substanz und der Hauch eines kosmopolitischen Übermorgens - es ist alles ein bißchen zu glatt, zu groß, zu poliert, zu perfekt.Niemand weiß ja, ob der neue Bahnhof von den Leipzigern angenommen wird oder ob er den neuen Edel-Geschäften in den Innenstadt-Passagen, die von den Einheimischen kaum genutzt werden, nur eine neue fremde Glitzer-Zone hinzufügt.Die stürmische Entwicklung des Umlandes, die ins platte Land Baugebiete von der Größe der Stadt hineingeschoben und mit riesigen Einkaufszentren bestückt hat, erweist sich zunehmend schon als Bedrohung der eben erneuerten Strukturen.Und so ganz zufällig ist es auch nicht, daß sich mit Leipzig der Name des Groß-Pleitiers Schneider verbindet. Es gibt keinen Anlaß, die Erfolgsgeschichte herunterzureden, die die Erneuerung im Osten, alles in allem genommen, ist.Sie hat in wenigen Jahren zustande gebracht, was die DDR ihren Bürgern in mehr als drei Jahrzehnten schuldig geblieben ist - eine ordentliche Infrastruktur, den Versuch der der Wiederherstellung der sträflich vernachlässigten Bausubstanz, dazu die Ausstattung des öffentlichen Lebens, auf die ein mitteleuropäisches Land im zwanzigsten Jahrhundert Anspruch hat; wenn denn Ulbrichts alberne Formel vom Überholen ohne Einzuholen, mit denen die DDR den Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus beschwor, einmal eine Spur von Berechtigung hatte, dann für diese Jahre nach dem Sozialismus.Doch diese Modernisierung liegt noch immer wie eine Schicht von Neuem und Fremden über dem Land, und niemand kann sagen, inwieweit sie ins Leben und Selbstverständnis der Menschen eingewachsen ist, wie weit sie von ihnen mitgetragen wird, wie lange es noch dauert, bis sie zu ihrer Wirklichkeit geworden sein wird. Auch dies kann man an Leipzig ablesen, gerade nach einem Ereignis, das ein Anlaß zur Freude war.Es war ja eine "Revolution von unten", mit der alles anfing.Um so mehr muß es einen beschäftigen, das es überwiegend eine Revolution von oben - und von außen - ist, die nun das Bild des Aufbaus der neuen Länder prägt.Es ändert nichts an der Leistung.Aber es erklärt vielleicht manches.

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