Zeitung Heute : Ein Eckstein für das ganze Berlin

HERMANN RUDOLPH

Der 12.Mai ist der Jahrestag des Endes der Luftbrücke.Nach dem Fall der Mauer wurde klar, daß die Luftbrücken-Flugzeuge für ganz Berlin geflogen sindVON HERMANN RUDOLPHAn diesem 12.Mai wird Berlin wie in jedem Jahr den Jahrestag des Endes der Luftbrücke begehen, mit der üblichen Kranzniederlegung für die Opfer am Denkmal vor dem Flughafen Tempelhof und der Verleihung der Luftbrücken-Stipendien.Aber eine Feier wie immer ist es nicht: Der Festakt an dem Tag, an dem 1949 um Mitternacht die Luftbrücke zu Ende ging, fällt dieses Mal in die Wochen, in denen sich vor 50 Jahren ihr Beginn in einer dramatischen Zuspitzung anbahnte.Und an den Folgetagen wird der amerikanische Präsident das historische Datum im Rahmen seines Deutschlandbesuches mit seiner Anwesenheit als eines der großen Ereignisse der Nachkriegszeit auszeichnen.Doch weil deshalb die Artikel und Würdigungen noch beredter als sonst beschwören, daß da Berlin widerstand, wie Berlin sich bewährte, kommt man fast nicht umhin, eine Frage aufzuwerfen, die seit der Wiedervereinigung der Stadt sozusagen auftrittsbereit in den Kulissen steht: Feiert da wirklich - wie es uns so leicht von den Lippen kommt - Berlin, nämlich das ganze?An der Antwort hängt einiges, zum Beispiel das für das Berlin von heute entscheidende Problem, ob die Feier dieses Ereignisses, eines ihrer großen Mythen, die Stadt einigt oder trennt.Denn in Tempelhof werden auch diesmal die West-Berliner, im Gedenken vereint, ziemlich unter sich sein - so wie sie übrigens, je länger, desto mehr, dieses Datum in den zurückliegenden Jahrzehnten mit den Schutzmächten allein begangen haben.Und geht es denn anders? Was können die Berliner im Osten damit verbinden? Wie soll man vermeiden, daß das nostalgisch-stolze Rezitieren des Heldenliedes von Rosinenbombern und Care-Paketen, der wagemutigen Piloten und jubelnden Kindern dem im Osten ohnedies grassierenden Gefühl, ausgegrenzt zu sein, zusätzlich Nahrung gibt? Und was wäre verständlicher bei Menschen, die nur das Dröhnen der Flugzeuge über sich hörten, die aber kein Gramm Vollmilchpulver erreichte und die überhaupt damals und in der Folgezeit erst recht zu den Verlieren diese Sieges gehörten?So offenkundig es ist, daß die Erinnerungen an dieses heroische halbe Jahr für Gefühl und Bewußtsein der West-Berliner einen Grundstock ihres Stolzes bilden, so klar ist, daß die Ost-Berliner davon ausgeschlossen sind.Es trifft leider auch zu, daß die Freiheit, die mit der Luftbrücke verteidigt wurde, den Preis der Einheit kostete, nicht nur der Stadt, sondern - wie wir gelernt haben - auch der Erfahrungen, der Lebensverhältnisse, der Biographien.Die Luftbrücke bildete die Hoch-Zeit des Kalten Krieges, der den Westen westlicher, den Osten östlicher machte: Dem West-Teil eröffnete die durchgehaltene Kraftprobe den Weg nach Westen, hinein in die Welt von Freiheit und Konsum; den Ost-Teil der Stadt schloß sie ab von dieser Welt und überantwortete ihn dem Osten.Soll man also diesen Tag überhaupt feiern? Soll man den Jubel - bei den zwiespältigen Hypotheken, die an ihm hängen - besser nur mit kleiner Flamme speisen? Es gäbe, immerhin, eine Brücke, die über die Ost-West-Unterschiede hinwegführt.Es ist die Einsicht in die historische Bedeutung der Luftbrücke: Ohne sie hätte es den freien Teil Berlins nicht gegeben, der der endgültigen Teilung Deutschland und Europas immer im Wege stand; ohne sie wären die westlichen Alliierten nicht so rasch von Gegnern und Siegern zu Freunden und Verbündeten der Deutschen geworden; ohne sie wären auch die Prozesse nicht in Gang gekommen, die schließlich, nach so vielen Jahrzehnten, zum Zusammenbruch des Ostblocks führten.Insofern war die Luftbrücke ein Eckstein für die Wiedererlangung der Freiheit und Einheit Berlins.Nur ist diese Argumentation eine Brücke, die leichter zu beschreiben als zu beschreiten ist.Daß die Luftbrücken-Flugzeuge für ganz Berlin geflogen sind, auch für die Menschen im Ost-Teil der Stadt - nur daß es eben über vierzig Jahre dauerte, bis das, was sie transportierten, dort mit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des real-sozialistischen Systems ankam: das ist in der Tat ein Gedanke, der schwer zu vermitteln ist.Aber es wäre gut, wenn er bei den Feierlichkeiten, die nun beginnen, gegenwärtig wäre.Denn es ist ein Gedanke, der der großen, unvergeßlichen Aktion, angemessen ist.

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