Zeitung Heute : Ein eigenes Dach über dem Kopf

Der Tsunami hat Sri Lanka besonders hart getroffen. In vielen Dörfern im Nordosten der Insel bekommen Familien jetzt neue Häuser

Annette Kögel

Immer wieder schreien Kinder, stöhnen Menschen im Schlaf. Wehklagen. Leere Gesichter. Keine Privatsphäre. So viele Menschen mit so vielen Schicksalen in einem Raum: Das Leben jener, die die Flut überlebt haben, ist unmenschlich in den Massenunterkünften im Norden Sri Lankas. Hier, wo die Leute schon vor der Flut so gut wie nichts hatten. Wo viele Bürgerkriegswitwen sich gerade ein neues Leben aufgebaut hatten. Der Tsunami hat ihnen all das genommen, was sie trotz materieller Armut besaßen: ihr Zuhause. Die geliebten Menschen. Die Kinder. Die Eltern. Das gewohnte Leben.

Der Tagesspiegel hilft den Menschen in dem von der Flut mit am stärksten getroffenen Land jetzt gemeinsam mit der Deutschen Welthungerhilfe dabei, ein neues Dach über dem Kopf zu bekommen. Möglich machen das unsere Leserinnen und Leser: Sie haben mehr als 470 000 Euro für die Tagesspiegel-Aktion „Menschen helfen!“ gespendet.

Gunther Schramm kennt die Zustände in den Notunterkünften der 20-Millionen-Einwohner-Insel vor der Südküste Indiens. „Es ist unglaublich, was die Menschen durchmachen müssen“, sagt der 46-jährige Katastrophenhelfer der Deutschen Welthungerhilfe (DWHH). Seit zweieinhalb Jahren gehört der Vater von drei Kindern zur Taskforce der humanitären Organisation. Wann immer irgendwo auf der Welt eine Epidemie, ein Bürgerkrieg oder wie jetzt in Südasien ein Seebeben unvorstellbares Leid auslösen, wird der Fachmann aus seinem kleinen Heimatort in der Lüneburger Heide zum Flughafen beordert. Schramm hat in den vergangenen zwei Jahren für die regierungsunabhängige Entwicklungshilfeorganisation DWHH in 20 Ländern der Welt gearbeitet. Er weiß, wie man Gesprächspartner an einen Tisch bekommt. Wie man mit Regierungen und Opposition und all den Lobbyisten im Land verhandelt, damit letztlich den betroffenen Zivilisten geholfen wird. Erst recht in einem Land wie Sri Lanka, in dem in einem zwei Jahrzehnte herrschenden Bürgerkrieg über 70 000 Menschen ihr Leben verloren. Das sind doppelt so viele Tote, wie jetzt bei der Flut starben. Beidesmal trifft es die Zivilisten. Noch immer sitzen in Orten – beziehungsweise dem, was davon übrig geblieben ist – Menschen wie gelähmt auf Trümmern. Wie in Mullaitivu, 5000 Menschen wohnten hier, über die Hälfte der Einwohner sind gestorben.

Auch in dieser Gegend wird die Welthungerhilfe jetzt dank der Tagesspiegel-Leser helfen. In Deutschland gingen rund 20 Millionen Euro an die DWHH, fast 500 000 Euro davon stammen von den Tagesspiegel-Lesern. „Damit können wir eine ganze Menge bewegen“, sagt die Pressesprecherin der Welthungerhilfe, Marion Aberle.

„Wir wollen in Sri Lanka mit Hilfe der Handwerker vor Ort zunächst so genannte semipermanent houses errichten, vorübergehende Notunterkünfte“, sagt Gunther Schramm – der seine Laufbahn in der Entwicklungshilfe als Kameltierarzt begann. Die ersten Häuschen wurden schon gebaut, die ersten Fotos zur DWHH nach Bonn gemailt: Es sind Bambuskonstruktionen, mit Palmwedeldächern. Mit stabilen Außenwänden, aber ohne zementierten Boden. Denn zurzeit ist im Katastrophengebiet noch völlig ungeklärt, wo genau die Regierung den Wiederaufbau gestattet. Nach einer 100 Meter langen Schutzzone vom Strand entfernt? 300 Meter? Die Verhandlungen mit der Regierung laufen noch, aber „die Lage der Menschen in den Massenunterkünften ist unerträglich, wir müssen einfach mit der Hilfe anfangen“, sagt Schramm.

Sollten die Sri Lankaner doch ein paar hundert Meter weiter siedeln müssen, wolle man die Baumaterialien wiederverwenden. Bleiben die neuen Dörfer an Ort und Stelle, sollen darüber hinaus zusätzliche dauerhafte Neubauten mit den Leserspenden finanziert werden. „Die ersten Bambushütten können die Menschen dann weiter als Küche oder Lager benutzen.“ Rund 280 Euro koste das notdürftige erste Zuhause, sagt die Vorsitzende der Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble. Weil die Verhandlungen über die Gebietsreform weiterlaufen, will die DWHH zunächst 250 000 Euro der 470 000 Euro vom Tagesspiegel-Konto abrufen. „Wir werden je 125 000 Euro in den Distrikten Mullaitivu und Trincomalee im Nordosten einsetzen“, sagt Ingeborg Schäuble. Die Welthungerhilfe kann so insgesamt auch über andere Finanzierungen 3300 Häuser errichten.

In Sri Lanka kooperieren derzeit neun Mitarbeiter der Welthungerhilfe mit der regierungsunabhängigen Organisation Sewalanka. Die DWHH ist schon Jahre vor Ort, sammelte Erfahrungen mit der Wiederansiedlung von Bürgerkriegsflüchtlingen. In dieser Woche fanden wichtige Gespräche statt, mit Vertretern der Tamilen, mit der singhalesischen Regierung. Jetzt kann es losgehen.

Welthungerhilfe und Tagesspiegel werden darauf achten, dass nicht ausschließlich Familien in wenigen Dörfer bedacht werden, während andere in der Region leer ausgehen. „So wollen wir möglichen Eifersüchteleien in der Umgebung vorbeugen“, sagt DWHH-Sprecherin Marion Aberle. Für die 250 000 Euro können in den Dörfern an der Küste um Mullaitivu und Trincomalee Behelfshütten für etwa 900 Familien gebaut werden.

Bei der Auswahl der Fischerdörfer in den ärmsten Regionen Sri Lankas hat das Spendenteam zudem darauf geachtet, dass alle Volksgruppen bedacht werden. So werden Häuser in der Region Mullaitivu im Tamilengebiet gebaut. Die Tamilen sind vornehmlich Hindus, es gibt aber auch Christen und Moslems. Im anderen District an der Nordostküste, Trincomalee, erreicht die Hilfe vornehmlich Singhalesen und Moslems, aber auch Tamilen. Sewalanka ist als unabhängige Partnerorganisation neutral und arbeitet mit Regierung und Tamilen zusammen.

In Regierungskreisen werde das Geld nicht versickern, sagt Ingeborg Schäuble. Die Spenden gehen direkt über Sewalanka in die betroffenen Gebiete. Es werde nicht an staatliche Stellen überwiesen. Ingeborg Schäuble: „Außerdem evaluieren und kontrollieren wir alle Projekte in der Entwicklungs- und der Nothilfe.“ Bevor die Bauarbeiten an den Hütten beginnen können, „müssen aber erst einmal die Trümmer beseitigt werden“, sagt Taskforce-Mann Gunther Schramm, der an diesem Wochenende schon wieder auf dem Weg zurück nach Sri Lanka ist. Dort werden die Mitarbeiter der Welthungerhilfe zunächst ein „Werkzeugkit“ verteilen: „Da bekommt jeder Haushaltsvorstand eine Hacke, eine Schaufel, eine Axt.“ Die Namen werden registriert, damit nicht etwa doppelt Geräte abgeholt werden. Anschließend greife das so genannte „Cash for Work“-Programm: Jeder für die verbliebenen Familienmitglieder Verantwortliche bekommt 300 Rupien pro Tag für die Arbeit. Schramm: „Das sind umgerechnet noch nicht einmal drei Euro.“ Noch im Februar soll ein „Haushaltskit“ pro Familie verteilt werden: Seife, Nähzeug, Wasserkanister. Anschließend gibt es Fischernetze und Boote für die, „die nichts mehr davon besitzen“.

Die Eindrücke, das Unfassbare werden die Menschen trotzdem nie vergessen. Auch Gunther Schramm wird die Erinnerung an diese Wochen nie los. An diesen 26. Dezember 2004. „Ich saß mit meiner Familie am Weihnachtsbaum, als das Telefon klingelte. Die Kollegen von der Welthungerhilfe waren dran. Es habe da eine Überschwemmung gegeben. Man rechne mit 2000 Toten. “

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