Zeitung Heute : Ein Engel fürs Leben

Rolf Brockschmidt

Man muss Glück haben im Leben. Opa hatte immer Glück. Er wurde nicht überfahren, fiel in kein tiefes Loch, wurde nie überfallen, kletterte auf die höchsten Bäume und bei Prügeleien war er immer der Stärkste, obwohl das gar nicht so schien. Warum das so war? Opa hatte einen Engel - den von der Säule auf dem Platz vor der Schule. Einen echten Schutzengel. Und der begleitete ihn ein Leben lang, schützte ihn vor dem SA-Mann, schützte ihn im Krieg, half ihm beim Wiederaufbau und bei der Arbeit. Jutta Bauer erzählt die gefühlvolle Geschichte "Opas Engel" mit wenigen Worten, vielschichtigen Zeichnungen und einem Augenzwinkern aus der Perspektive eines Jungen, der sich an seinen Großvater erinnert. "Großvater erzählte gern. Er erzählte immer, wenn ich ihn besuchte." Großvaters Leben passiert in der Erinnerung des Jungen Revue, von den Zwanziger Jahren bis heute. Jutta Bauer gelingt es, in äußerst reduzierten Bildern für Kinder Geschichte nachvollziehbar zu erzählen. Die Bilder, die den SA-Mann, den Juden mit dem Stern, den Krieg und die Trümmer zeigen, laden ein zum Nachfragen. Aber was auch immer geschehen war, der Engel war immer im Einsatz. Auf jedem Bild. In jeder Situation. Keine goldgelockte Lichtgestalt, sondern ein eher irdisches Wesen, das sich bei seiner verantwortungsvollen Aufgabe abrackert, auch mal eine Beule einsteckt und so ganz menschlich wirkt. Ein blasse, blaue Strichfigur, mehr nicht. Wenn am Ende der Junge das Krankenhaus verlässt und der Engel ihm folgt, weiß man, dass der Opa gestorben ist. Selten hat jemand im Bilderbuch das Thema Geschichte und Tod mit so wenigen Worten so sensibel und empfindsam dargestellt. Ein preisverdächtiges Buch.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben