Ein Exil-Sender für die Syrer : Radio Zuversicht

Wenn bei „Radio al Kul“ die regelmäßige Autosendung läuft, dann geht es nicht um PS-Zahlen und neue Sportwagen. Die Sendung heißt „Mein Auto läuft nicht mehr“ und bringt vor allem Ratschläge für improvisierte Reparaturen unter Kriegsbedingungen. „Radio al Kul“ – „Radio für alle“ – sendet für Hörer in Syrien, die seit fast drei Jahren im Bürgerkrieg leben.

Von der türkischen Metropole Istanbul aus schickt „Radio al Kul“ sein Programm ins Nachbarland. Die syrischen Dissidenten, die den Rundfunksender seit April vergangenen Jahres betreiben, wollen Nachrichten mit Lebenshilfe und Unterhaltung verbinden. Vieles, aber nicht alles dreht sich bei „Radio al Kul“ um den Krieg zwischen der Regierung von Baschar al Assad und den Rebellen. Neben der großen Politik bringt „Al Kul“ Kinder- und Wirtschaftssendungen, Gesundheitstipps und anderes – alles auf die Kriegslage zugeschnitten. „Wenn wir eine Kochsendung machen, können wir den Leuten schlecht erzählen, wie man ein Cordon Bleu zubereitet“, sagt Obai Sukar, Mitbegründer und Programmchef. In Syrien müssten die Normalbürger mit dem auskommen, was gerade verfügbar ist.

Neben dem arabischen Programm gehört auch eine Sendung auf Kurdisch zum Angebot. Über Internet ist das Dissidenten-Radio rund um die Uhr auf Sendung, weshalb „Al Kul“ selbst in Frankreich und Deutschland Hörer hat.

In Syrien selbst wird auch über UKW gesendet. Rund 90 Prozent des Sendegebiets liegen in den von der Opposition kontrollierten Landesteilen. Die Ausstrahlung geht nicht immer glatt vonstatten. Manchmal muss eine Sendung abgebrochen werden, weil ein Luftangriff droht oder Regierungstruppen im Anmarsch sind. Bei Hörersendungen wartet die „Al Kul“-Zentrale in Istanbul manchmal vergeblich auf Anrufer, weil im Sendebereich der Strom ausgefallen ist. „Radio al Kul“ sieht sich zwar als Teil der Opposition, achtet aber auf kritische Distanz zu den politischen Vertretern der Assad-Gegner. Finanziert wird das Projekt durch Spenden syrischer Gönner und europäischer Verbände.

Niemand bei „Radio al Kul“ erwartet, dass der syrische Konflikt bald endet. Doch wenn eines Tages einmal Frieden herrscht, dann will Sukar mit seinem Sender nach Damaskus umziehen. Für solche Pläne braucht man Zuversicht. Die strahlen sie aus. „Wir senden Optimismus, weil wir keine andere Wahl haben. Wir können den Leuten ja nicht sagen: Ihr werdet verlieren“, sagt Sukar. „Wir bringen die Wahrheit und die Tatsachen, aber wir versuchen dabei immer, die Hörer zu ermutigen – denn das ist das Einzige, was den Syrern noch bleibt.“ sei

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