Zeitung Heute : Ein Fall für Amnesty International

ANDREAS CONRAD

Sauna ohne Aufguß: Angespannte Routine bei Robert De Niros Berlinale Pressekonferenz im Hotel IntercontiVON ANDREAS CONRADNun, wer schmeißt den ersten Stein? Immerhin, zehn Minuten dauert die Pressekonferenz mit Robert De Niro nun schon, die üblichen Fragen zu den drei Filmen, mit denen er auf der Berlinale präsent ist, auch die Anworten kennt man eigentlich vorher.Aber nach diesem Vorgeplänkel ist es soweit: Was war denn nun eigentlich los in Paris, bei dieser Festnahme als Zeuge in einem Callgirl-Verfahren? Ein Stöhnen geht durch den Raum, offenbar findet die Frage durchaus nicht ungeteilte Zustimmung - obwohl doch alle darauf gewartet haben.Wird De Niro aufspringen, entrüstet das Weite suchen, oder sich damit begnügen, den Frager zusammenzustauchen? "Noch so eine Frage, und ich bin weg!" Nein, De Niro verzieht keine Miene, nimmt den Unseligen sogar in Schutz: "Das ist schon okay." Paris, das war "eine schreckliche Erfahrung, völlig überflüssig".Alle hätten sich hinterher miserabel gefühlt, viele seien auch zu ihm gekommen, hätten sich entschuldigt für die Affäre, sogar die Polizei.Dabei habe der Richter doch gewußt, wo er sich befinde, er habe es ihm in einem Brief mitgeteilt.Aber dann erschienen plötzlich sieben, acht Polizisten."Vielleicht hätte ich Amnesty international anrufen sollen." Eins zu Null für De Niro. Also ist er doch gekommen, und das absurde Theater, das sich in den letzten Tagen um seinen Berlinale-Besuch, um Interviews und die Pressekonferenz abgespielt hatte, ist endlich abgeschlossen.Er kommt, er kommt nicht, er hat seine Interviewtermine verkürzt, ganz gestrichen - ein Gerücht jagte das andere.Die PR-Damen der Verleihfirma Concorde, die De Niros Film "Wag the Dog" betreute, dürften zuletzt kaum mehr gewußt haben, wo ihnen der Kopf steht.Undurchschaubar blieben ihre Entscheidungen, wer die Gnade eines Gruppeninterviews erhielt.Zuletzt waren die PR-Beauftragten kaum mehr zu erreichen, offenbar abgetaucht angesichts des heranrollenden Medieninteresses gegenüber einem doch mehr als unsicheren Kandidaten.Anrufende Journalisten konnten wählen zwischen Handy ("Der gewünschte Gesprächspartner ist vorübergehend nicht zu erreichen.") oder Hoteltelefon ("Die Person in diesem Zimmer ist am Apparat.Hinterlassen Sie bitte ...").Auch vor dem provisorischen Büro im Interconti-Hotel scheiterte man: "Bitte nicht stören!" Das Schild hing dort, egal, ob von drinnen Stimmen ertönten oder Stille herrschte. Logisch, daß sich diese überkandidelte Hektik auch in der Pressekonferenz spiegeln würde.Wieviele Personen passen eigentlich in den Konferenzraum? Jedenfalls waren es mehr als je zuvor.Vom Eingang, durch den der Schauspieler erwartet wurde, bis zur Bühne eine dichtgeschlossene Reihe von Fotografen, davor klumpte es sich sowieso, und sogar die Mittelgänge waren mit Journalisten verstopft.Das Klima erinnerte an Sauna, nur leider ohne Aufguß.Wie üblich bei diesen Super-Ereignissen war auch Festivalchef Moritz de Hadeln gekommen.Kurz vor drei wurde mitgeteilt, daß die Fotografen genau drei Minuten zur Verfügung hätten, nicht mehr, nicht weniger.Damit hätten sie wohl leben können. Aber wieder war etwas dazwischengekommen, De Niro oder wer auch immer hatte es sich anderes überlegt, denn nachdem sein Haarschopf - mehr war von den hinteren Sitzreihen aus zunächst nicht zu erkennen - vorbeigeschwebt war und das Blitzlichtgewitter vielleicht gerade mal eine knappe Minute gezuckt hatte, hieß es plötzlich: Schluß.Darauf reagierte die fotografierende Truppe verständlicherweise erbost, und bis sich das gelegt hatte - "Jetzt ist Ruhe, bitte" - waren bestimmt mehr als drei Minuten vergangen. Da saß er nun also, wartete auf die Fragen.Den Beifall bei der Vorstellung hatte er mit kurzem Nicken beantwortet, aber die Miene selbst blieb doch streng, fast verbissen, wie er ohnehin die ganze Pressekonferenz in angestrengter Routine absolvierte.Knappe Antworten meist, oder keine.Denn wenn De Niro nicht antworten will, antwortet er nicht.So blieb gleich die zweite Frage, warum er denn in "Great Expectations" zuletzt wie Karl Marx aussehe, im Raum stehen, sicher zu Recht.Doch De Niro wollte die erste noch einmal gründlicher beantworten.Diese Übereinstimmung von Film und Realität, also daß in beiden Fällen ein US-Präsident auf erotischen Irrwegen zu wandeln scheine, nur ein Zufall? Ja, für De Niro nur ein Zufall.Clintons Fall sei erst dazugekommen, als der Film schon weit vorangeschritten war, und alle Beteiligten, und er besonders, wollten diese Situation nicht ausnutzen.Eine wenig überraschende Antwort, wie auch der weitere Verlauf dann kaum mehr Spektakuläres bietet.Ab und zu Versuche, noch einmal auf Paris zurückzukommen, und stets kühle Abwehr: Die Festnahme eine Vermischung von Realität und Film? "Der Richter dachte vielleicht, er sei im Film."

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