Zeitung Heute : Ein Fall von Hochmut

Bei seinen Mitarbeitern galt er als arrogant, Arbeitslose fühlten sich von ihm brüskiert. Andere sagen, Florian Gerster arbeite eben effizient. Nun wird der Chef der Bundesagentur für Arbeit wohl über ein paar Beraterverträge stürzen. Er selbst sieht sich als Opfer von Intrigen.

Antje Sirleschtov,Cordula Eubel

Von Antje Sirleschtov

und Cordula Eubel

Wer gern in Nürnberg arbeitet, lebt sich auch ein in Nürnberg. Das ist einer der liebenswerteren Sätze, mit denen die Mittelfranken Menschen willkommen heißen, die der Arbeit wegen nach Mittelfranken kommen.

Sich einleben – Florian Gerster hat es gar nicht erst versucht. An seinem ersten Tag als Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, einem der größten Arbeitgeber in Nürnberg, hat er seinen Mitarbeitern gesagt, die Hälfte von ihnen sei überflüssig. Dann hat er sich im besten Hotel der Stadt eingemietet. Und da ist er dann auch wohnen geblieben. So, als sei ihm immer schon klar gewesen, dass er und die Behörde, Florian Gerster und das Amt, dass sie beide nicht zusammenpassen. Und es vermutlich auch niemals tun werden.

Das Hotel zahle er privat, sagte Gerster immer, wenn er gefragt wurde, ob es denn das erste Haus am Platze sein muss, in dem der Mann absteigt, der die erdrückende Arbeitslosigkeit in Deutschland managt. Er lebe dort, weil er morgens früh zu schwimmen pflegt. Und wenn der ehrgeizige Behördenchef schwimmen will, seien die Bademeister der öffentlichen Anstalten noch nicht aufgestanden. Arrogant, unnahbar, unberechenbar, sagen diejenigen, die ihn in den vergangenen Jahren kennen, aber nicht schätzen gelernt haben. Effizient, schnell und entschlossen, sagen die, die gern mit ihm zusammenarbeiten.

Die sind in der Minderheit. Die Karriere Florian Gersters, 54, Diplom-Psychologe mit unfertiger Dissertation, Betriebswirt, SPD-Mitglied, Oberstleutnant der Reserve, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, folgte bislang einem Motiv: zuerst die Widerstände testen, sie überwinden, dann nach vorne stürmen.

Endlich erste Reihe

Das bringt ihn immer ziemlich weit nach vorn, aber nie ganz nach oben. Immer sitzt noch einer vor ihm, der nur halb so schlau ist wie Gerster selbst. Der keinen Platz machen will für den Quirligen, Schlauen, Intelligenten. Das sei der Grund, warum er zugegriffen habe, als ihm, dem damaligen Sozialminister von Rheinland-Pfalz, endlich einer die Gelegenheit geboten habe, in der allerersten Reihe Platz zu nehmen. Wo ihm nicht ein dicker harmoniesuchender Landesvater wie Kurt Beck die Sicht verstellt – der ihm 1993 den Posten des Spitzenkandidaten vor der Nase weggeschnappt hatte.

„Florian Gerster ist der beste Mann an der Spitze der deutschen Arbeitsämter“, sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder vor zwei Jahren. Und Gerster sah sich am Ziel seiner Wünsche. Ganz vorne, erste Reihe, politisches Gewicht, bedeutendes Amt. Die Schultern durchgedrückt. Und Feuer.

Am Sonntagabend, das scheint nun klar zu sein, wird Gerster nicht mehr Chef von einst 97000 Arbeitsämtlern sein. Unter seiner Führung sind Beraterverträge in Millionenhöhe vergeben worden, ohne dass sie ordnungsgemäß ausgeschrieben wurden. Dass ausgerechnet einer wie er, der wie selbstverständlich in den Zentralen der deutschen Wirtschaft und Politik ein und aus ging, über etwas Profanes wie die „zweifelhafte Rechtmäßigkeit der ordnungsgemäßen Anwendung der Verdingungsordnung für Ausschreibungen von Beraterverträgen“ stürzen soll, ist schwer vorstellbar. Schließlich sind die Ausschreibungen, die die Bundesanstalt gemacht hat, in der Regel überkorrekt gewesen, „kaum zu handhaben eigentlich“, wie Beraterfirmen urteilen, die sich beworben haben. Schließlich sind es offensichtlich Fehler, aber keine Durchstechereien gewesen, die da passierten. Und schließlich hat Gerster selbst in den knapp zwei Jahren seiner Amtszeit an der Spitze der Nürnberger Behörde immer wieder darauf hingewiesen, dass er den internen Umbau der Behörde nicht selbst betreiben will. Weit weg wollte er sein von den Querelen des Alltags, wenig zu tun haben mit Software-Umbau und Strukturwandel. „Dafür“, das hatte er immer wieder betont, „sind die Herren Weise und Alt verantwortlich.“

Die Herren Frank Weise und Heinrich Alt, seine beiden Kollegen im Vorstand der BA, illustrieren aber auch das ganze Problem der Behörde: Weise, Finanzvorstand, kam aus der Wirtschaft in die Behörde – und wurde im Amt zum siamesischen Zwilling von Florian Gerster. Die beiden seien immer nur Arm in Arm gesehen worden, lästern Mitarbeiter. Im Gegensatz zu Heinrich Alt, Urgestein bei der BA. Mit dem hätten sie einfach nicht geredet, die beiden anderen, heißt es. Und so sei passiert, was passieren musste: „Der eine, der den Apparat hätte bewegen können, durfte nicht. Und die beiden, die durften, konnten nicht.“ Mehr als ein Jahr sei durch die Querelen, die sich bis in das letzte Arbeitsamt fortgesetzt hätten, verloren gegangen beim Umbau der Bundesanstalt.

Nicht, dass Gerster den Umbau der Behörde tatsächlich selbst in Angriff genommen hätte – abgesehen von ein paar spektakulären baulichen Maßnahmen in Nürnberg und der Einrichtung der Hauptstadtrepräsentanz in Berlin. Für sich selbst hatte Gerster ganz anderes vorgesehen: Deutschlands Arbeitsämter nach außen zu repräsentieren, politische Weichenstellungen zu beeinflussen. Das waren die Aufgaben, die der Chef wahrnahm, wie es sich geziemte. Mit erhobenem Haupt, tadellosem Anzug und ebensolchem Auftritt. Am Regierungssitz in Berlin, in Hamburg, Frankfurt und auch in Brüssel, dem Sitz der Europäischen Kommission. Feuer.

Vielleicht muss man ja auch viel eher dort die Gründe für Gersters Ende an der Spitze der BA sehen? Vielleicht waren gar nicht die paar Beraterverträge, die er selbst wahrscheinlich nicht mal gesehen hat, der Grund dafür. Abteilungsleiter, Vergabebeauftragte oder der Controlling-Vorstand, jedem hätte man leicht die Schuld für diese bürokratischen Versäumnisse in die Schuhe schieben können. Doch das ist auch nicht der wahre Grund, warum Gerster immer wieder aneckte.

Gersters Problem ist, dass er sich nicht geändert hat. „Der Florian war schon immer so, das wusste doch jeder“, sagt ein enger politischer Weggefährte: „Einer, der sich keine Freunde macht, der am Ende immer außen steht.“ Es sei nicht Gersters Fehler, dass er im Amt gescheitert sei. Den Fehler hätten die gemacht, die ihn kannten, ihn aber trotzdem ins Amt gehoben hätten.

Als des Kanzlers Blick im Jahr 2002 auf Gerster fiel, suchte er einen Querdenker. Einen Aufrüttler, einen Systemveränderer. Einen, der sich nicht abfinden würde mit einer Mammutbehörde, die Computer-Klicks auf ihrer Internetseite mit Arbeitsvermittlungen verwechselte. Einen, der es seinen Leuten verbieten würde, bei Arbeitslosigkeit immer nur die Buchstaben ABM für Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu denken. Einen, der Ehrgeiz hat, der den Laden auf Trab bringt. Mit Florian Gerster, so schien es, war der ideale Mann gefunden. Feuer.

Stellt man heute die Frage, was schief gelaufen ist, gibt es Antworten zuhauf. Vor allem von den Arbeitslosen. Denen hatte Gerster immer wieder vorhergesagt, dass mit ihm an der Spitze der Arbeitsämter ein neuer, ein sehr viel rauerer Wind in die vielen sozialen Hängematten wirbeln wird. Dafür aber würden sie Arbeit bekommen. Und dann stieg und stieg die Arbeitslosigkeit, und der frische Wind entpuppte sich vor allem als rigoroses Sparprogramm. Bessere Vermittlung, persönliche Fortbildung, unbürokratische Beratung komme dann nach, wenn der Umbau vollendet sei. Oder die Antwort der Gewerkschaften. Kaum ein Monat im Amt verging, in dem Gerster sie nicht mit seinen Weisheiten brüskierte, die letztlich immer denselben Tenor hatten: Ihr seid schuld daran, dass es am deutschen Arbeitsmarkt nicht vorwärts geht. Auch Bürgermeister, Weiterbildungsinstitute und ABM-Gesellschaften haben Antworten auf die Frage, was schief gelaufen ist: Es wurde zerschlagen, aufgerüttelt und in Bewegung gesetzt. Doch in das Chaos kam keine neue Idee, keine neue Ordnung, nicht einmal eine erkennbare Richtung .

Gemeinheiten und Lügen

Am vernichtendsten aber ist die Antwort der eigenen Leute. Mit flotten Sprüchen über die Entbehrlichkeit vieler seiner Mitarbeiter hatte sich Gerster ja schon den Einstand in der Behörde verdorben. Und auch danach war sein Auftritt immer arrogant – sei es auf Konferenzen, Ämtern und bei Personalgesprächen im ganzen Land.

Immer wieder hat sich Gerster später lautstark darüber beschwert, dass seine eigenen Leute durch Indiskretionen dafür gesorgt haben, dass ihn die Medien als einen überheblichen und abgehobenen Manager ohne jedes Takt- und Feingefühl beschrieben. Er hat Recht: Es gab in den vergangenen 24 Monaten kaum eine Behörde im Land, in der es so viele Gerüchte und Anekdoten mit so hohem Unterhaltungswert gab: Gerster habe sich einen Privataufzug reservieren lassen, hieß es. Er gebe unglaubliche Summen für Repräsentationszwecke aus. Er baue für hunderttausende von Euro um, kaufe teuerste Büromöbel. Das alles stimmte nicht, oder nur zum kleinsten Teil. Aber wirklich verstanden, warum man ihn so gehasst hat, hat Gerster bis heute nicht.

Gestern hat Gerster sich abgemeldet. Er sagte seine öffentlichen Auftritte – geplant war ein Besuch der Uni Dresden – ab. Selbst für Freunde sei er nicht erreichbar gewesen, hieß es, nachdem ihn am Morgen der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Harald Schartau mit den Worten „nicht zu halten“ zum Absetzen freigegeben hatte.

Mit einer Ausnahme: Am Sonntag geht Gerster zu „Christiansen“. Dort, in Deutschlands bekanntestem Fernsehstudio für all die Politpromis, die schon immer mal die ganze Wahrheit dem ganzen Volk verkünden wollten, will Florian Gerster Rechenschaft ablegen. Über sich selbst. Und über den Vorstandsboss der wichtigsten Behörde im Land. Und über die vielen niederträchtigen Gemeinheiten und Lügen und Intrigen, denen er zum Opfer gefallen sein will.

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