Zeitung Heute : Ein Fußball-Abend für die Ewigkeit

MICHAEL ROSENTRITT

PARIS .Jacques Chirac hatte längst die diplomatische Etikette über Bord geworfen.Selten zuvor war der erste Mann im Lande derart außer Kontrolle geraten.Mit aufgerissenem Mund und umliegendem Fan-Schal klatschte - wenngleich nicht ganz im Takt - der französische Staatspräsident wie in Trance.Links neben ihm war noch mehr los.Michel Platini, lebende französische Fußball-Legende, der zur Feier das blaue Nationaltrikot unterm feinen Gewande trug, machte gar den "Ententanz".Nur der Herr rechts neben Chirac fiel etwas aus der Rolle.Joao Havelange, bis vor kurzem noch FIFA-Präsident, stand da wie in Stein gehauen.Logisch, der Mann ist Brasilianer.Und das, was sich im Stade de France in Saint Denis in den späten Sonntagabend-Stunden abgespielt hatte, war nun einmal nicht gerade nach dem Geschmack von Brasilianern.Die "Equipe tricolore" war nach einem grandiosen 3:0-Sieg über Brasilien zum ersten Mal Weltmeister geworden.

Es waren die Momente, da sich unten auf dem Rasen die französischen Spieler in den Armen und die entzauberten brasilianischen Stars am Boden lagen.Kapitän Didier Deschamps, der später den FIFA-Weltpokal von Chirac überreicht bekam, herzte den zweifachen Torschützen und herausragenden Akteur des Abends, Zinedine Zidane.Emmanuel Petit, der Schütze des dritten Tores, wälzte sich über das Stadiongrün, wie es sonst nur junge Hunde tun.Und Haudegen Laurent Blanc, der rotgesperrt nur zusehen durfte, kam aufs Spielfeld gelaufen und küßte die Glatze von Torhüter Fabien Barthez, der vor freudiger Fassungslosigkeit sein Gesicht in seine klebrigen Fängerhandschuhe zu vergraben suchte.Jeder spürte es: Das war ein Abend für die Ewigkeit.Frankreich ist in den Kreis der wenigen Fußball-Mannschaften gestoßen, die es geschafft haben, den hochkarätigsten Titel der Sportwelt zu gewinnen.

Und dann passierte etwas eher Ungewöhnliches.Nicht die Brasilianer, deren Gesichter tränenverschleiert waren, gratulierten dem Sieger.Nein, die Franzosen gingen auf die Südamerikaner zu und reichten ihnen die Hand.Eine große Geste einer groß aufspielenden Mannschaft.

Filmschauspieler Jean-Paul Belmondo, wer auch sonst, sprach von einem unvergeßlichen Abend."Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas Ähnliches erlebt zu haben." Ein Sieg über Brasilien, den Rekordweltmeister, in einem WM-Finale.Das ist eine Art Heiligsprechung der "Equipe" und des französischen Fußballs.

Die Brasilianer, die nach fabelhaften Leistungen in sechs vorangegangenen Spielen an diesem Abend nicht einmal annähernd ihre Form erreichten, mochten sich wohl selbst nicht mehr leiden dafür.Mario Zagallo, der viermal mit Brasilien Weltmeister werden konnte, sagte später: "Wir haben das Spiel in der ersten Halbzeit verloren.Keine Frage, Frankreich war klar besser."

Von Beginn an sahen sich die südamerikanischen Angriffsfußballer in der Defensive, eine Position, aus der sie weder Fußball spielen können, noch mögen.Die Franzosen waren von ihrem Trainer Aimé Jacquet bestens auf die Spielweise der Brasilianer vorbereitet und in der wichtigsten Stunde ihres sportlichen Daseins topfit.Nach der französischen Halbzeitführung mit 2:0 versuchte Brasilien zu retten, was eigentlich nicht mehr zu retten war.Endlich aber agierte die Mannschaft Zagallos zumindest mit mehr Mumm und Mut."In der zweiten Halbzeit haben wir gelitten", sagte nach Mitternacht Zinedine Zidane, der es vorgezogen hatte, sich dem verrückten Treiben der Kameraleute und Reporter nach der Pokalübergabe zu entziehen."Ich habe mir so sehr gewünscht, ein Tor zu schießen.Jetzt sind es zwei geworden.Es ist unglaublich."

"Ich hatte nur den Wunsch, daß das Spiel schnell zu Ende geht.Für Brasilien wird es ein Trauma werden", sagte Zagallo, dessen System mit der Hoffnung Brasiliens, in Frankreich zum fünften Male Weltmeister zu werden, im Stade de France zu Paris am Sonntag abend gestorben ist.

Fabien Barthez, der treffliche Torwart der Franzosen, in der zweiten Halbzeit nur zweimal wirklich ernsthaft geprüft, sprach beim Einsteigen in den Mannschaftsbus: "Ich möchte denjenigen sagen, die noch nie gegen einen Ball getreten haben, daß wir Weltmeister sind.Das ist das Wichtigste." Aber das hatten zu diesem Zeitpunkt wohl auch die Nicht-Fußball-Fachleute schon kapiert.

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